Soll ein weiteres Zeugnis der Dresdner Architekturmoderne verschwinden?

Sonntag, 16. Februar 2014

von Jana Knauth

„Sozialer Anspruch, Funktionalität, Materialästhetik, Ausstattung und bildkünstlerische Konzeption sind so ausbalanciert aufeinander bezogen, dass eine ganzheitliche Wirkung entsteht, die den Begriff ‘Gesamtkunstwerk’ rechtfertigt.“

Bei dieser Aussage über ein Dresdner Bauwerk bezieht sich die Kunsthistorikerin Gisela Schirmer nicht etwa auf so bekannte Bauten wie die Frauenkirche oder die Semperoper, nein sie meint damit ein eher unauffälliges Gebäude im TU-Campus: die Neue Mensa Bergstraße.

„Eine Mensa? Ein gewöhnlicher Funktionsbau in DDR-Ästhetik? Und das soll ´was Besonderes sein?“ Ja, 2008 wurde dieses Gebäude unter Denkmalschutz gestellt und das hat auch seine Berechtigung.

Die von Ulf Zimmermann und Kollektiv entworfene Neue Mensa Bergstraße ist eine unter mehreren, die im Laufe der 1970-er Jahre in verschiedenen Hochschulstädten wie Illmenau, Wildau (b. Berlin) und Berlin entstanden sind. Es handelt sich um ein Typenbauprojekt, was zu dieser Zeit in der DDR üblich war, per se aber nichts Schlechtes ist, besonders dann nicht, wenn man damit umzugehen wusste wie Ulf Zimmermann. Dazu schreibt der Architekturkritiker Wolfgang Kil:

„Die ‘Zimmermann-Mensen’ zählen zweifellos zu den wenigen unbestrittenen Erfolgsgeschichten der DDR-Architektur. Unbeirrbar in dem ansonsten immer fantasieloser werdenden Typenbaugeschehen, unter klugem Abwägen zwischen den Vorteilen, die Serielles zweifellos bietet, und jener dem Standort abzuringenden Besonderheit, die Architektur nun einmal braucht, um als Ort überhaupt wahr- und angenommen werden zu können.
Die gesamte Baugeschichte der DDR war ab Ende der Fünfzigerjahre von diesem Grundwiderspruch zwischen ‘Unikat und Serie’ geprägt … Unter denen, die sich diesem Spannungsverhältnis produktiv aussetzten, war Ulf Zimmermann wiederum eine herausragende Erscheinung, da es ihm gelang – seine Arbeitsbedingungen bei TU-Projekt waren dafür auch besonders günstig – auf der ewigen Suche nach dem gangbaren Weg das ästhetische Maß, heute würden wir sagen: die Baukultur nicht zu opfern. Dass seine Gebäude nicht nur leidlich funktionierende ‘Sonderbauten’, sondern Körper- und Raumerlebnisse von höchstem ästhetischem Anspruch waren, musste man damals, wenn nicht als Provokation, dann zumindest als Ansporn empfinden. … Auch in der DDR konnte gute, ansehenswerte Architektur entstehen, wenn sie vom Reißbrett eines guten Architekten kam: feingliedrig, elegant proportioniert, mit sicherem Gefühl für Material und Detail.“

Die Besonderheit der Dresdner Mensa besteht im Zusammenklang von Bild- und Baukunst. Da der Architekt sowohl für die äußere als auch die Innenraumgestaltung zuständig war, ist das Gebäude wie aus einem Guss. Schon das äußere Erscheinungsbild, der eher flache rechteckige Baukörper mit Waschbeton und Sichtmauerwerk, akzentuiert durch die roten Lamellen an den schwarzen Stahlfensterrahmen, beeindruckt im bewussten Kontrast mit der aufragenden Plastik „Mast mit zwei Faltungszonen“ von Hermann Glöckner. Die Innenraumgestaltung, durch die Sichtmauerwände mit der Außenhülle in Verbindung gesetzt, ist individuell abgestimmt – Raum für Raum. Der Einsatz von bildnerischer Kunst am Bau ist in diesem Gebäude auf besondere Weise gelungen und bis heute erhalten.

Dazu lässt sich in der Denkmalbegründung des Landesamtes für Denkmalpflege von 2008 nachlesen:

„Die Ausstattung der Neuen Mensa ist künstlerisch bedeutend, da sie mit der sorgfältig- detaillierten Durchbildung des Grundrisses und der Decken- und Wandgestaltung sowie dem eingebauten Mobiliar den für die späten 1970er Jahre üblichen Standard übertrifft. Die rechteckige Grundfläche des Gebäudes wurde in überschaubare Einheiten aufgeteilt, die der notwendigen Sitzplatzkapazität gerecht und außerdem für verschiedene Funktionen genutzt werden sollten. In den Räumen bestimmen unverputzte Ziegelwände, Betonelemente, Unterhangdecken, Verkleidungen sowie fest installierte Tisch- und Sitzgruppen das Erscheinungsbild. Dabei entsprechen sich Form und Funktion der Ausstattung in besonders gelungener Weise. Das weitestgehend aus der Entstehungszeit stammende Interieur wird durch die Verwendung verschiedener Materialien belebt. Eine weitere gestalterische Aufwertung erfährt das Innere durch vereinzelt angebrachte Kunstobjekte. Die Raumausstattung weist eine gesteigerte ästhetische und gestalterische Qualität auf, die auch dem Laien den Eindruck vermitteln kann, dass etwas nicht Alltägliches geschaffen worden ist.“

Die schon oben erwähnte Kunsthistorikerin Gisela Schirmer führt weiter aus:

„Da Zimmermann auch für den Innenausbau und die Ausstattung zuständig war, ist die Gesamtgestaltung wie aus einem Guss. Doch trotz der ästhetischen und funktionellen Verflechtung wirkt jeder Raum wie eine Insel der Ruhe mit einem eigenen Gesicht. Dieser Eindruck entsteht durch die überall individuell konzipierte Deckengestaltung und Beleuchtung, durch das Mobiliar und nicht zuletzt durch die überlegte Auswahl von Kunstwerken. […] Unterschiedliche Deckenelemente, Tische und Stühle aus farbig gebeiztem Holz, Kunststoff oder Metall, mit Granitplatten und Ledergurten geben Bierstube, Cafeteria und den Speisesälen eine unverwechselbare Prägung.
Vollendet wird der einzigartige Charakter aller dieser Räume durch die Kunstwerke. Jeder Gastraum ist einem Künstler oder einer Künstlerin gewidmet. Diese sind nicht einfach ausgestellt – für Ausstellungen war die Eingangshalle vorgesehen –, sondern sie werden dem Anspruch gerecht, integrativer Bestandteil der Räumlichkeiten zu sein, denn alles ist subtil aufeinander abgestimmt.“

All diese Vorzüge werden gekrönt durch die unbestrittene Funktionalität des Gebäudes. Ausgelegt für etwa 5.000 Essensteilnehmer bei fünfmaligem Platzwechsel werden die etwa 4.000 Studenten und Lehrkräfte bis heute problemlos versorgt.

Nicht zuletzt ist das beschriebene Bauwerk das letzte seiner Art, welches nicht überformt oder gar abgerissen wurde, d.h. in seiner ursprünglichen Form und Gestaltung erhalten ist. All dies macht diese Mensa zu einem Denkmal, welches sensibel saniert werden sollte, so wie es der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), der die Sanierungspläne ausgearbeitet hat, auch vorhatte.

Und nun ist aus dem Sächsischen Finanzministerium, wo sich die Pläne derzeit befinden, zu vernehmen, dass es einen Abriss mit einem Neubau favorisiert (SäZ 20.01.2014). Die Begründung dafür scheint fadenscheinig, denn ein Abriss und Neubau würden tatsächlich größere Kosten verursachen und länger dauern als die Sanierung, für die die Pläne längst fertig sind. Was also steckt wirklich dahinter? Soll wirklich nur ein weiteres Zeugnis der ungeliebten DDR verschwinden? Ist hier wieder einmal politisches Kalkül wichtiger als fachliche Kompetenz? Oder zeigt sich in diesem Fall nur das Unverständnis gegenüber Bauten, die die Nachkriegsmoderne hervorgebracht hat? Oder ist es vielleicht auch nur ein Winkelzug, um die Reaktionen abzuwarten?

Diese zeigen sich bereits deutlich und in großer Vielfalt: Nicht nur das städtische Denkmalamt und das Landesamt für Denkmalpflege haben sich zu Wort gemeldet. Im Anschluß an die internationale Fachtagung “Denkmal Ost-Moderne II – denkmalpflegerische Praxis der Nachkriegsmoderne” veröffentlichten die Veranstalter und Teilnehmer den Weimarer Appell zur Erhaltung der Neuen Mensa der TU Dresden“. Darin weisen sie

„ausdrücklich auf die sehr weit fortgeschrittene Sanierungsplanung hin. Das ökologisch und kulturell nachhaltige Ziel der Sanierung scheint in greifbarer Nähe zu liegen. Die Behebung von Bauschäden und Mängeln, auch in funktionaler Hinsicht, ist an vielen anderen Beispielen der Spätmoderne bestens und wirtschaftlich effizient gelungen.“

Das konnten nicht zuletzt auch die Beiträge und Diskussionen der Tagung belegen. Auch der Verein Dresdens Erben appellierte an das Ministerium, die Mensa zu erhalten.

Bisher aber blieb offen, wie es weiter geht.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 17.02.2014 aktualisiert.
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