Zum Tod von Wolfgang Hänsch

Sonntag, 6. Oktober 2013

von Margita Herz

Einer der großen Architekten Dresdens weilt nicht mehr unter uns, einer, der Dresden aus dem Bombenschutt maßgeblich wieder mit aufgebaut hat. Aufgrund seiner markantesten Werke wie Kulturpalast, Haus der Presse und vor allem der Wiederaufbau der Semperoper, den er leitete (und die notwendigen Veränderungen gegenüber dem Original vornahm, denn der Bau musste an die modernen Anforderungen für öffentliche Gebäude angepasst werden), müsste er sich aus heutiger medialer Sicht den Titel „Star-Architekt“ gefallen lassen. Seine sprichwörtliche und angenehme Bescheidenheit und seine Zurückhaltung – ich lernte Hänsch 2009 kennen – wirkten solch einem Medienrummel entgegen.

Zu DDR-Zeiten war diese Art von Öffentlichkeit für Persönlichkeiten in der Regel „out“, wenn sie nicht der Staatsmacht diente.

Im befreiten Dresden war seine beste Zeit schon vorbei, vor allem auch, weil die nun aktiv werdenden Investoren Persönlichkeiten wie Hänsch kaum kannten.

Somit wurde er von vielen ermuntert, wenigstens dafür zu sorgen, dass seine Baukunst erhalten bleibt, was bei jedem seiner Werke für ihn ein schwieriges Unterfangen war. Dies gipfelte 2012 in seiner Klage gegen die Stadt, die im Kulturpalast den Mehrzwecksaal gegen einen reinen Konzertsaal austauschen will. Betonen möchte ich, dass es Hänsch dabei nicht in erster Linie um sein Urheberrecht ging. Er verstand nicht, warum die Stadt einen Mehrzwecksaal zerstört, den Dresden für Meisterfeiern, Brückenmännchen, die leichte Muse etc. braucht, um einen reinen philharmonischen Konzertsaal mit fraglichem Nutzungskonzept einzubauen. Vor dieser Fehlentscheidung wollte er die Stadt bewahren.

Hänsch konnte das Bedürfnis der Dresdner Philharmonie nach besseren Spielbedingungen vollkommen verstehen. Aber die können – das betonte er immer – auch mit akustischer Ertüchtigung und ggf. mobilen Wänden geschaffen werden. Auch die exorbitanten Kosten des Umbaus sorgten bei ihm für Kopfschütteln. Er kannte das Spardiktat zu DDR-Zeiten und die Möglichkeiten, aus wenigem gutes zu schaffen, wie im Fall Kulturpalast, ein besonderes Werk der Nachkriegsmoderne, das über die Grenzen Dresdens hinaus Anerkennung erfuhr.

Zuletzt saßen wir (eine kleine Gruppe Dresdner Persönlichkeiten) regelmäßig zusammen, um zu überlegen, was Dresden fehlt. Es wurde schnell klar, dass ein ganzheitliches Kulturbautenkonzept (unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten oder politischen Entscheidungen) für die Landeshauptstadt fehlt, wenn Dresden seine Stellung als Kulturmetropole mit internationalem Anspruch künftig behaupten will. Dazu gehören ganz selbstverständlich der Konzerthaus-Neubau, für das Verkehrsmuseum eine dauerhafte Lösung und die Zusammenarbeit von Stadt und Freistaat in diesen Fragen. Denn Dresden als Kulturstadt zu begreifen und zu entwickeln, ist nicht nur für unser Selbstverständnis von Bedeutung. Es hat auch eine wirtschaftliche Dimension für ganz Sachsen.

Kultur ist der Motor für den Tourismus, wie Dr. Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, für die Sammlungen so ähnlich formulierte. Aber Dresden ist nicht nur eine Museums- und Galeriestadt, es ist auch eine Musikstadt mit Ereignissen von atemberaubender Qualität. Erst wenn man andernorts Umschau hält, wird einem das hörbar bewusst.

Ich danke dem Zufall, Wolfgang Hänsch kennen gelernt zu haben. Ich verneige mich tief und in aufrichtiger Trauer über seinen für mich doch so plötzlichen Tod.

Allem Zerstörungseifer zum Trotz wird die Semperoper – eines der großen Taten von Wolfgang Hänsch – hoffentlich einigermaßen unbeschadet alle politischen Eingriffe überstehen. „Ruhe in Frieden, lieber Wolfgang Hänsch!“

Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.10.2013 aktualisiert.
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