Machtkalkül statt Realismus?

Donnerstag, 19. September 2013

Bereits im Februar 2013 entstand dieser Artikel, der nun traurige Aktualität erlangt hat. Am vergangenen Montag, am 16. September 2013, ist Wolfgang Hänsch gestorben.

Dresden verdankt Wolfgang Hänsch unendlich viel. Wie kaum ein anderer hat er die Architekturentwicklung dieser Stadt seit den 1950er Jahren mit seinen stadträumlich geformten Wohn- und Geschäftsbauten (Borsbergstraße, Webergasse) und nicht zuletzt mit seinen Kulturbauten (Kulturpalast, Semperoper, Rekonstruktion des Schauspielhauses) maßgeblich mitbestimmt. Es ist bedauerlich, dass es die Stadt Dresden, die sich so gerne mit dem Image einer Kunst- und Kulturstadt schmückt, nicht vermocht hat, die architektonischen und städtebaulichen Leistungen des Verstorbenen zu Lebzeiten zu würdigen. Beschämend vor allem, dass sie im Falle des Kulturpalastes ihr Eigentümerrecht über das Urheberrecht des Architekten stellte und die Vernichtung des international hoch geschätzten Mehrzwecksaales bewusst betrieb. Dieses respektlose Vorgehen hat bei dem 84jährigen eine tiefe Wunde hinterlassen, die nicht mehr zu heilen war.

Der Artikel dokumentiert, wie die Stadt Dresden mit einem Mann umgegangen ist, der für das Nachkriegs-Dresden ein Glücksfall war und in einem Atemzug mit Hans Erlwein und Paul Wolf genannt werden darf.

Gedanken zum würdelosen Umgang mit einem kreativen Architekten,
der die Dresdner Nachkriegsarchitektur wesentlich geprägt hat

von Jürgen Karthaus

Eine Stadt, die so ausschließlich auf Vergangenheit
Setzt, riskiert, ihr Gegenwartsklientel zu verlieren.

Andreas Ruby

Der Mehrzwecksaal des Kulturpalastes war an jenem sonnigen Sonnabendnachmittag im März 2009 fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Eine Seltenheit in den letzten Jahren. Susann Buttolo und Ralf Kukula schafften dieses Kunststück. Sie stellten ihren einstündigen Dokumentarfilm „Was bleibt? Architektur der Nachkriegsmoderne in Dresden“ vor. Am Ende der Vorführung minutenlanger Applaus, und am Verkaufsstand eine lange Schlange von Besuchern, die die DVD-Auskopplung erwerben wollten.

Die Balance Film GmbH von Ralf Kukula bewarb den 2008 entstandenen Film mit folgendem kurzen Text: „Kulturpalast, Rund-Kino, Centrum-Warenhaus oder ‚Fresswürfel‘. Wer kennt sie nicht, jene Bauten, die die Sechziger und Siebziger Jahre in Dresden mitprägten und mit vielen Dresdner Biografien und Erinnerungen verknüpft sind. Doch welche Ideen und Menschen standen hinter jenen Planungen und Entwürfen, die das Bild der heutigen Stadt noch immer prägen? Der … [Film] geht den Spuren nach, zeigt die Bauten, lässt ihre Macher und Kritiker zu Wort kommen …“

Ich erlebte an diesem 21. März eine sachlich-kritische Bestandsaufnahme der Nachkriegsarchitektur in Dresden. Einige der im Film vorgestellten Bauwerke (Centrum-Warenhaus, „Fresswürfel“, Webergasse) existieren heute bereits nicht mehr. Was an ihre Stelle trat (Centrum-Galerie, Altmarkt-Galerie, SAP-Würfel), erfüllt meine Erwartungen an Architektur nicht. Centrum- und Altmarkt-Galerie sind lediglich wunderbar gläserne Scheinwelten, und den SAP- Würfel empfinde ich als einen leblosen Kubus an einem der belebtesten Plätze der Stadt.

Ich bin heute noch dankbar, dass sowohl die „Sächsische Zeitung“ als auch die „Dresdner Neuesten Nachrichten“ dem Filmprojekt bereits im Vorfeld ihr Interesse bekundeten.

In der Besprechung der „Sächsischen Zeitung“ vom 20. März 2009 schreibt Birgit Grimm (S. 8):

Viel Raum im Film hat der Dresdner Kulturpalast. Architekt Wolfgang Hänsch erzählt davon, wie sein ehrgeiziges Projekt um sieben Millionen Mark der DDR geschrumpft werden musste und wie dennoch ein großzügiges Kulturhaus entstand. Bruno Flierl bezeichnet den Kulturpalast als „glücklichste Leistung modernen Städtebaus in der DDR.“ Der Kulturpalast hat sogar eine Orgel, die extra für den Film gespielt wird. Starke Männer krempeln für den Film noch einmal die Ärmel hoch und verwandeln binnen weniger Stunden den Fest- in einen Ball- bzw. Bankett-Saal. Im Zeitraffer fahren die Sesselreihen in den Keller. Mit dem Umbau des Kulturpalastes zum reinen Konzertsaal soll sich die Akustik verbessern. Das Kipp-Parkett wird dann leider endgültig in der Versenkung verschwinden.

Der Film stellt den Kulturpalast zu Recht in den Mittelpunkt. Ich erinnere u.a. zahlreiche glanzvolle Philharmonische Konzerte, Internationale Tanzfestivals, Dixieland-Festivals und den unvergesslichen Auftritt von Mikis Theodorakis, der den Palast zum Beben brachte. Er war für mich seinerzeit der Ort, der die verschiedenen Künste gleichberechtigt zusammenführte. Im Moment ist er nur noch Hülle, in der Kulturbürgermeister Lunau mit Siegerpose in die Kamera strahlt (SäZ v. 12./13.01.2013, S. 17).

Doch im März 2009 war es noch nicht so weit.

Zwei Tage vor dem erwähnten Beitrag in der „Sächsischen Zeitung“ druckten die „Dresdner Neuesten Nachrichten“ ein Interview, das Genia Bleier mit den Autoren von „Was bleibt“ führte. Gegen Ende des Doppelinterviews kommt die Interviewerin auch auf den Kulturpalast zu sprechen. Auf die Frage, warum sie gerade zum Kulturpalast eine konkrete Meinung äußern, antworten Kukula und Buttolo überzeugt (S. 10):

Kukula: Ja, wir haben dazu eine ganz eindeutige Haltung. Das Verschwinden dieses einmaligen Saales ist in erster Linie ein Verlust.

Buttolo: Als Bauhistorikern möchte ich auch darauf hinweisen, dass der Kulturpalast schon von seiner Baugeschichte her von besonderem Wert ist. Was seine Funktionalität und Gestaltung angeht, ist er ganz vortrefflich. Er ist das wichtigste Gebäude überhaupt aus dieser Zeit.

Darauf angesprochen, an wen sich der Film wende, gibt Kukula zu Protokoll (ebd.):

In erster Linie an die Dresdner Bürger, aber auch an Fachleute. Ihnen werden wir nichts Neues bieten können. Aber wir stellen es in andere Zusammenhänge. Wir wollen zeigen, dass ein Stück gelebte Geschichte verschwindet. Das ist nicht nur ein architektonisches, sondern ein umfassenden Problem. Für eine ganze Generation fehlt dann einmal ein Stück Vergangenheit.

Inzwischen sind fast auf den Tag genau vier Jahre vergangen, und ich muss mit Bedauern feststellen, dass die Entscheidungsträger dieser Stadt (Stadtrat, Oberbürgermeisterin, Kultur-, Bau- und Finanzbürgermeister, Fachabteilungen der Verwaltung) nach wie vor eine undifferenzierte Sicht auf die Dresdner Nachkriegsmoderne haben und deshalb leichtfertig auf wenig durchdachte Lösungen setzen. Ein Nachdenken darüber, dass der Mehrzwecksaal ein schützenswertes Gut darstellt, begann viel zu spät. Bernd Aust meinte gar, wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

Noch schwerer wiegt in meinen Augen jedoch die Tatsache, dass das Projekt, lange bevor es das Licht der Öffentlichkeit erblickte, längst fertig war. So hatten die Bürger überhaupt keine Möglichkeit, ihre Vorstellungen für die beste aller möglichen Lösungen in einen wirklich öffentlichen Disput einzubringen. Die Einwohnerversammlung am 04.12.2009 im Kulturpalast empfand ich daher als reine Alibi-Veranstaltung. Diese Vorgehensweise zeigt einmal mehr, dass Kultur für die Stadt lediglich eine Machtdemonstration ist. Dass kulturelle Institutionen wie Philharmonie, Hauptbibliothek und Herkuleskeule dieses Spiel maßgeblich befördern bzw. stillschweigend billigen, gehört zu den traurigen Kapiteln des gegenwärtigen Dresdner Kulturbetriebes.

Diese Jahre werden in die Geschichte eingehen als eine Zeit der Demütigung für einen Mann, der das Bild des heutigen Dresden maßgeblich mitgeprägt hat. Anstatt sein Wirken für die Stadt zu würdigen, werden Teile seines Schaffens aus dem Stadtbild getilgt. Erst traf es das Ensemble Webergasse, jetzt trifft es den Mehrzwecksaal des Kulturpalastes. In diesem Fall sogar mit der Unterstützung der Sächsischen Justiz, die im zweiten Verfahren vor dem OLG Dresden (16.10.2012) zwar das Urheberrecht des Architekten anerkannte, aber letztendlich das Interesse der Stadt am Umbau des Mehrzwecksaales zu einem reinen Konzertsaal höher bewertete. Dass das OLG die Schutzwürdigkeit des Kulturpalastes ausdrücklich bestätigte, ist auch dem Gutachten der international renommierten Bauhistorikern Prof. Dr. Simone Hain für das Oberverwaltungsgericht Dresden zu danken, die den Denkmalwert des Mehrzwecksaales überzeugend begründete. Sie schreibt u.a.:

Der Saal des Dresdner Kulturpalastes ist eine stilistische Neudefinition im Rahmen des Bautyps Fest-und Versammlungsstätten/Kulturhäuser. Der Architekt findet (in der DDR) nichts Vergleichbares vor, sondern prägt vielmehr mit dem Bauwerk erst den sog. 60er-Jahre-Stil. Bauzeitlich steht zuletzt die Oper in Leipzig von Kunz Nierade (Fertigstellung 1960) für ein architektursprachliches Konzept am Ausgang des Stils der sog. Nationalen Tradition. Von diesem Gestus wendet sich Hänsch als Vertreter einer jüngeren, an der Wiederaufnahme des Bauhaus-Erbes interessierten Architektengeneration demonstrativ ab. Anstelle der schwelgerisch delikaten Festlichkeit und ornamentalen Befangenheit jenes Vorgängerbaus in Leipzig setzt er in Dresden dezidiert auf eine klare, elementar geometrische Formensprache. Hatte Nierade noch Wert auf handwerkliches Raffinement gelegt, steht Hänschs Saal entschieden für industriegestalterische Anmutung und stellt ein sehr frühes Bekenntnis zur Tradition des Dessauer Bauhaus-Erbes dar.

Foyerbereiche und Saal zeichnen sich durch eine einheitliche Gestaltungsabsicht und formal durchgängige Prinzipien aus: seriell eingesetzte Bauglieder in konstruktivistischen Geometrien, Parallelverschiebungen von wandhohen Scheiben, Transparenz im Sinne der klassischen Moderne … betont kühle, elementare Ordnungen mit gewollten Referenzen an das Industriedesign … ziehen sich einheitlich und stilprägend durch Foyer und durch den Saal. Dabei sind Foyer und Saal bewusst kontradiktorisch als einmal lichte, dominant wandsichtige Raumfolge mit sparsam und hinleitend eingesetzten Holztönen gegen die introvertiert aufgefasste warme, wie ein Instrumentkorpus wirkende Saalgestalt gesetzt. Die beiden Raumbereiche gehören nachvollziehbar zusammen, indem sie augenscheinlich demselben elementar geometrisierenden, auf langen Reihen von gleichartigen Formen bestehenden Gestaltungsprinzip unterliegen, licht und weit die Foyers, warm umschließend der Saal …

Der Saal ist in keiner Weise „konfektioniert“ oder nach bereits vorhandenen Mustern ausgestattet worden. Mobiliar und Ausstattung folgen dem selben Geist wie die Architekturdetails – einem aus Nüchternheit und baukultureller Chuzpe [Unbekümmertheit, J.K.] streng funktionalistischem Verständnis. Der Architekt hat sich die wichtigsten Details aus der Industrie geholt und sie zu abstrakten Raumbildern arrangiert …

Dass Wolfgang Hänsch nicht „irgendein“ Architekt ist, zeigt auch die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Technische Universität Dresden am 18. Juni 2009. In der Begrüßungsansprache begründet der Rektor die Ehrenpromotion u.a. wie folgt: „Herr Hänsch hat der Stadt Dresden über ein halbes Jahrhundert lang die Treue gehalten und sein großes schöpferisches und gestalterisches Potential höchst erfolgreich für die Entwicklung einer modernen Architektur der Nachkriegszeit eingesetzt. Die Bauten, die er geschaffen hat, zählen ohne jeden Zweifel [Hervorhebung J.K.] zu den großartigsten Werken der Nachkriegsmoderne in Dresden.“

Doch nicht einmal diese Ehrung veranlasste die Verantwortlichen der Stadt in der Folgezeit zu einem Überdenken ihrer Positionen.

Am 25.11.2012 unternahm daher Prof. Leopold Wiel, von dem die Idee für ein „Haus der Kultur“ stammt, in einem Brief an die Oberbürgermeisterin einen letzten Versuch, den Mehrzwecksaal zu retten, in dem er u.a. konstatiert:

Nun ist nach über 40 Jahren eine Sanierung notwendig geworden. Dass diese Sanierung verbunden wird mit einem Totalumbau, insbesondere mit der Zerstörung des Mehrzwecksaales und dem Einbau eines reinen Konzertsaales für die Philharmonie nach dem räumlichen Prinzip des „Weinberges“, ist nach meiner Überzeugung eine Fehlentscheidung. Drei wichtige Gründe veranlassen mich zu dieser Auffassung:

1. Ein Totalumbau, wie er gegenwärtig geplant ist, mit schwerwiegenden Eingriffen auch in die Rohbaukonstruktion, führt nach meinen jahrzehntelangen Erfahrungen zu unberechenbaren Kostenüberschreitungen. Ich schätze ein, dass dieser Umbau einschließlich der Ausrüstung und Ausstattung ein Kostenvolumen von 110 Mill. EUR erreichen wird.

2. Der Einbau eines reinen Konzertsaales führt zu einer erheblichen Einschränkung der Mehrzweckfunktion, die bisher ein besonderes Qualitätsmerkmal war. Der dem Umbau ursprünglich zugrunde gelegte Stadthallencharakter wird in großem Umfang aufgegeben. Mit der Stilllegung des Kulturpalastes auf unbestimmte Zeit wird für die Stadt weiterer, hoher Schaden entstehen.

3. Dem Urheberrecht, welches den Architekten bei diesem in den Rang eines Denkmales erhobenen Bauwerk zugesprochen worden ist, wurde nicht entsprochen.

Ich möchte daher an die Verantwortlichen der Stadt Dresden den Appell richten, dieses Vorhaben noch einmal zu überdenken und empfehle, sich zu einer behutsamen Sanierung mit den nötigen funktionellen, brandschutztechnischen und akustischen Verbesserungen durchzuringen, zumal die Finanzierung nicht gesichert ist. Es können unter Beachtung der gesetzlich möglichen Erleichterungen bei der behutsamen Sanierung eines Denkmales erhebliche Mittel eingespart werden.

Im übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass das räumliche Prinzip des „Weinberges“ im gegenwärtigen internationalen Baugeschehen zunehmend aufgegeben wird zu Gunsten des Prinzips „Schuhkarton“, da die nach diesem Prinzip erbauten Konzertsäle akustisch besser beherrschbar sind, was bei dem jetzt vorliegenden Entwurf nicht garantiert werden kann.

Völlig unbeeindruckt von den Argumenten des 96jährigen antwortete der Kulturbürgermeister am 11.12.2012 und wiederholte im Auftrag der Oberbürgermeisterin und unter erneuter Ausklammerung des Bürgerwillens die bekannten Positionen der Stadt. Gegen Ende des Briefes behauptete er gar, dass „die heute vorliegende Planung und Beschlusslage … in ihrem Umfang, ihrer Qualität und in ihren Aussichten auf Realisierung den bislang größten Fortschritt dar[stellt], den es in dieser Angelegenheit je gegeben hat.“ Diese verfolge allein das Ziel, „Dresden ein wahres Kulturzentrum im Herzen der Stadt zu geben, das Heimstatt internationaler Spitzenmusik ist.“

Die Realität nach diesem Briefwechsel ist jedoch nach wie vor eine andere.

Bereits am 20.12.2012 schockiert der Journalist Dirk Hein die Befürworter des Totalumbaus des Kulturpalastes und die Leser der „Dresdner Morgenpost“ mit der Schlagzeile (S. 4): „Kein Haushalt, kein Geld, keine Mehrheit: Vorjohann bläst Kulti-Umbau (vorerst) ab.“ Und elf Tage später lässt Wolfgang Schaller in seiner Jahresendkolumne „Blick zurück nach vorn“ (SäZ vom 31.12.2012, S. 19) die Katze aus dem Sack. Er erschreckt alle Kulturpalast-Erhalt-Freunde im Bestand und die Totalsanierer mit der Nachricht: „Der Umbau des Kulturpalastes hat alle Chancen, so lange verschoben zu werden, bis das Gebäude abrissreif ist. Dann werden zwei Fliegen mit einer Klatsche erschlagen: ein DDR-Bau und die Philharmonie.“

Alles Satire, meinen Sie, weil die Kolumne unter dem Etikett „Satirischer Nachschlag“ firmiert? Mitnichten! Unter den Liebhabern des „Alten Dresden“ gibt es offenbar nicht wenige, die offen oder hinter vorgehaltener Hand einen Abriss des Kulturpalastes fordern. Eine Probe dieses Feindbildes stellte ein Kulturpalast-Gegner auf „quo-vadis-dresden“ am 09.01.2013 ins Netz, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglässt: „Man kann es drehen, wie man will: Der realsozialistische Klotz inmitten der mit viel Geld rekonstruierten Altstadt Dresdens ist aus Sicht des Touristen ein furchtbarer Schandfleck, der möglichst schnell beseitigt werden müsste.“

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass sich die Befürworter eines Unsichtbarmachens bzw. Abrisses wesentlich früher zu Wort meldeten. 2002 wollte Sachsenbau Chemnitz den Kulturpalast unter einer Haube verschwinden lassen (SäZ vom 17.10.2002, S. 19). Ein Jahr später stellte die gleiche Baufirma im „Haus der Architekten“ einen modifizierten Plan vor, der den teilweisen Abriss und Neubau vorsah (SäZ vom 13.03.2003, S. 20). Wolfgang Hänsch intervenierte (ebd.): „Ich verstehe nicht, dass ein Haus, das 40 Jahre steht, mit einem Handstreich erledigt werden soll.“

Das sah der aus Dresden stammende, vor allem für die Wochenschrift Die Zeit schreibende Architekturkritiker Andreas Ruby in einem Interview mit den „Dresdener Neuesten Nachrichten“ (DNN vom 18.06.2002, S. 13) ähnlich. Er warnte davor, den DDR-Bauten ein Beton-Image anzukleben: „Da müssen … Gebäude … ihre historische Zeitgenossenschaft mit der DDR büßen. Ich finde es absurd, dass man auf der einen Seite Geschichte, die nicht mehr existiert, wieder belebt. Und dann aber den Kulturpalast, der für mich ein Teil der Dresdner Geschichte ist, abreißen will. Ich glaube, dass manche der DDR-Bauten, die heute abgerissen werden sollen, spätestens in 20 Jahren unter Denkmalschutz gestellt würden.“ Für manche dieser Bauten kam Rubys Vision allerdings zu spät.

Bereits in einem im Jahr 2000 erschienenen Essay („Las Vegas an der Elbe – Eine Stadt im Kulissenwahn: Wie sich Dresden die eigene Vergangenheit zurechtlügen möchte“) setzt sich der Autor kritisch mit der Rückwärtsgewandtheit vieler Dresdener auseinander.

Der Wiederaufbau der Frauenkirche steht symbolisch für die Sehnsucht eines großen Teils der Öffentlichkeit, „ihr“ altes Dresden wieder aufgebaut zu sehen … Wie erfolgreich die Frauenkirche als Sinnbild für Dresdens Stadtentwicklung gewesen ist, zeigen Folgeprojekte wie das Taschenbergpalais oder das Coselpalais. Jahrzehntelang nur in Ruinenresten vorhanden, sind beide Gebäude mittlerweile wieder aufgebaut, als wären sie nie zerstört gewesen. Im makellosen Anstrich ihrer sächsisch-gelben Fassaden verliert sich keine Spur der Erinnerung an jene verheerende Bombennacht im Februar 1945 …

Im Zuge dieser Stadtbilderneuerung … steht ein großer Teil der DDR-Architektur diskussionslos zur Disposition … Aber vielleicht ist es auch verfehlt, nach architektonischen Gründen für die Ausjurierung dieser Architektur zu fragen; vielleicht macht sie allein schon die historische Komplizenschaft mit dem politischen System der DDR zur architectura non grata. Dass sie auf den Trümmern des nicht wieder aufgebauten Dresden errichtet wurden, qualifiziert sie in den Augen mancher Denkmalschützer fast automatisch zum Abriss: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Sicher mag eine solche Aussage den einen oder anderen irritieren. Umso überraschter war ich daher, als ich am 08.02.2013 in der „Sächsischen Zeitung“ den Beitrag eines jungen Politikwissenschafts-Studenten fand, der die vor 13 Jahren niedergeschriebene Einschätzung fast nahtlos aufgreift. Unter dem Titel „Der Dresdner Drang zum Denkmal“ notiert Philipp Klein vor dem Hintergrund der jährlichen Geschehnisse um den 13. Februar (S. 5):

Der „Ruf aus Dresden“, der den Wiederaufbau der Frauenkirche einläutete, war zugleich Startschuss für einen Rekonstruktionsmarathon in der Dresdner Altstadt, der bis heute anhält. Detailgetreu werden seitdem rund um den Neumarkt Fassaden des „alten Dresden“ imitiert, intakte und bewohnte DDR-Bauten zur Disposition gestellt und ihr Abriss gefordert. Die Innenstadt gleicht einem großen Museumsdorf. Das beflügelt nicht nur das Tourismusgeschäft, es verschleiert zugleich jeden historischen Bezug zu Nationalsozialismus und dessen Niederschlagung.

Das mag die Fraktion der Barockfreunde glücklich stimmen, bereitet aber – was nur scheinbar paradox klingt – dem Gedenken an den 13. Februar ernste Probleme. Dass hier Krieg war, dass Dresden Ort eines „Kriegsverbrechen“ gewesen sein soll, ist zumindest anhand der baulichen Substanz nicht mehr zu erkennen.

In den unmittelbaren Nachwendejahren jedenfalls hielt auch die „Sächsische Zeitung“ vom 10.01.2004, Seite 10, Wolfgang Hänsch unter der Rubrik „Gesichter“ noch für ehrungswürdig:

Der Dresdner Architekt hat das Nachkriegsgesicht seiner Heimatstadt mit geprägt. Die Läden und Wohnhäuser auf der Borsbergstraße entstanden auf dem Reißbrett von Wolfgang Hänsch. Das Einkaufszentrum auf der Webergasse und das Wohnhaus an der Grunaer/Blochmannstraße sind sein Werk, ebenso der Kulturpalast und das Haus der Presse in seiner ursprünglichen Gestalt vor der gerade beendeten Sanierung. Gemeinsam mit seinen Kollegen verhinderte er die Sprengung des Westflügels vom Residenzschloss … Hänsch, der am Sonntag seinen 75. Geburtstag feiert, war der Chefarchitekt des Wiederaufbaus der Dresdner Semperoper und hat auch den modernen Funktionsanbau des Opernhauses entworfen. Bei der Rekonstruktion des Pirnaer Rathauses und des Zuschauerraumes im Dresdner Staatsschauspiel bewies der Architekt in den 90er Jahren wiederum sein Geschick, historische Substanz zu bewahren und zugleich den Ansprüchen heutiger Nutzer gerecht zu werden.

In einem Alter, da andere sich zur Ruhe setzen, kniet Wolfgang Hänsch sich mit all seinen Erfahrungen, seinem wachen und kritischen Blick für das Dresdner Baugeschehen in neue Aufgaben. Er streitet mit um den Dresdner Neumarkt, macht eigene Vorschläge und sucht mit seinem Partner Werner Bauer nach vernünftigen Lösungen für sie Sanierung und städtebauliche Aufwertung des Kulturpalastes.

Heute scheint diese Laudatio längst vergessen.

Das Auf und Ab, Hin und Her rund um den Kulturpalast setzte sich auch in den letzten Wochen fort. Gerhard Jakob kommentierte in der „Dresdner Morgenpost“ vom 10.01.2013 sarkastisch (S. 4):

Je mehr über den Haushalts-„Kompromiss“ bekannt wird, den CDU, SPD und Grüne in ihren Mondscheinverhandlungen ausbaldowert haben, desto mehr drängt sich der Eindruck auf: Da haben sich drei die Zustimmung der jeweils anderen beiden mit Geld erkauft, das gar nicht vorhanden ist. Geplante Grundstücksverkäufe, Landeszuschüsse – alles ungedeckte Schecks.

Kein Wunder, dass Finanzbürgermeister Vorjohann jetzt vor einer 100-Millionen-Euro-Falle warnt. Dies einfach als die üblichen Kassandra-Rufe unter Kassenwarten abtun zu wollen, wäre voreilig. Denn so sehr Vorjohann selbst als Strippenzieher mit eigenen Ambitionen im Rathaus bekannt ist – die Zahlen selbst sprechen ihre eigene Wahrheit.

Zu der gehört, dass schon vor den Verhandlungen das Geld für alle Traumschösser gleichzeitig –„großer“ Kultiumbau, Kulturkraftwerk, dringende Bäder-Sanierung, Kitabau und Schulenreko einfach nicht da war. Und mit Telefongesprächen unter Fraktions-Chefs sind die fehlenden Millionen auch nicht herbeizureden.

Die ohnehin vorhandene Verwirrung wird mit Schlagzeilen der nachfolgenden Tage wie „Schönrechner tricksten auch beim Kulturpalast“ (DNN vom 16.01.2013, S. 13) und „Im März geht’s los“ (DNN vom 22.01.2013, S.13) meiner Meinung nach sogar noch größer.

Schaut man auf die veröffentlichte Meinung der letzten Jahre, drängt sich der Eindruck auf, dass Wolfgang Hänsch allein die Schuld an den Verzögerungen und an den oben benannten Irritationen trägt. Während ihn die politischen Eliten allem Anschein nach als unbelehrbaren Unruhestifter wahrnehmen, erfuhr und erfährt er von Fachkollegen, Kultur- und Kunstwissenschaftlern, Komponisten, Musikwissenschaftlern, Musikern, Dirigenten, Veranstaltungsmanagern, dem Verein „Dresdens Erben“ etc. zu Recht mannigfachen Zuspruch und tätige Unterstützung.

Natürlich blieben die jahrelangen, bis heute anhaltenden Anfeindungen aus dem Lager der Totalumbau- oder gar Abrissbefürworter nicht ohne Auswirkung auf die Gesundheit Wolfgang Hänschs. Dass ausgerechnet die Bild-Zeitung (Ausgabe vom 28.01.2013) auf diesen Fakt aufmerksam macht und darüber informiert, dass Wolfgang Hänsch trotz verlorener Urheberrechtsklagen immer wieder über weitere mögliche Verbesserungen am Mehrzwecksaal in seiner gegenwärtigen Gestalt nachdenkt, gehört zu den Absurditäten dieses Dramas. Und es ehrt ihn, dass er dies tut, um den Saal für die Philharmonie brauchbar zu machen. Eine Größe, die die Stadt Dresden und die Dresdner Philharmonie ihm gegenüber bis heute nicht aufgebracht haben.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 19.09.2013 aktualisiert.
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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Tanja Scheffler hat für “german architects” einen feinen, kundigen Nachruf auf Wolfgang Hänsch verfasst.

    Lesenswert!

    Darin heißt es unter anderem:

    Dass gerade Hänsch – ein bekennender Anhänger der Moderne ohne Parteibuch – für [den Wiederaufbau der Semperoper] als Chef-Architekt engagiert wurde, war der Höhepunkt seines erfolgreichen Weges, trotz teilweise rigider Vorgaben dauerhaft Bauten auf internationalem Niveau zu realisieren. … Wolfgang Hänsch ist immer ein sehr bescheidener, zurückhaltender Mensch geblieben. … Mit der Engstirnigkeit der Parteifunktionäre hatte er umzugehen gelernt, gegen die massive öffentliche Entwertung seiner Bauten nach dem Untergang der DDR war er jedoch nicht gewappnet.

    … schrieb Die Redaktion am Montag, dem 07.10.2013, um 20:17 Uhr.

  2. Zu Ehren von Dr. Hänsch findet am 5.2.2014 ein Ehrenkolloquium statt. Dazu laden der BDA, der Landesverband Sachsen und die Akademie der Künste ein. http://bda-sachsen.bda-bund.de/aktuelles/veranstaltungen/artikel/2014/01/08/ehrenkolloquium-in-memoriam-wolfgang-haensch.html
    Die Landeshauptstadt hat es offenbar bisher nicht geschafft, eine Würdigung dieses großen Architekten zustande zu bringen.

    … schrieb Jale am Dienstag, dem 14.01.2014, um 21:38 Uhr.