Anmerkungen und Fragen

Sonntag, 21. Oktober 2012

… die sich aus dem Prozess über das Urheberrecht des Architekten Wolfgang Hänsch im Zusammenhang mit dem Umbau des Kulturpalastes ergeben.

von Prof. Manfred Zumpe

1. Der Kulturpalast wurde vom Landesamt für Denkmalpflege Dresden in den Rang eines Denkmals erhoben. Der Festsaal – das Herzstück des Bauwerkes – wurde jedoch aus dem Denkmalschutz ausgeklammert. Diese Entscheidung erfolgte ganz offensichtlich unter erheblichem politischem Druck der Stadt Dresden. Nur mit dieser Einschränkung des Denkmalschutzes war es möglich, das von der Stadt geplante Vorhaben – Abriss des bestehenden Festsaales und Einbau eines reinen Konzertsaales für die Dresdner Philharmonie – in Angriff zu nehmen. Die Entscheidung des Landesamtes ist wissenschaftlich anfechtbar und belastet das Ansehen dieses Amtes.

2. Der neue Konzertsaal – ein Entwurf des Architekturbüros von Gerkan, Marg und Partner – sieht einen Saal nach dem Prinzip des „Weinberges“ vor. Die völlig anders geartete Architektur dieses Saales mit seinen weich geschwungenen Linienführungen führt nach Auffassung kompetenter Architekturkritiker zu einem Bruch in der ursprünglichen, dem Bauwerk zugrunde liegenden Architektursprache, und damit zu einer Verfremdung des Werkes. Das bedeutet im juristischen Sinne eine Verletzung des Urheberrechtes.

3. Die erste juristische Instanz, das Landgericht Leipzig, hat das Urheberrecht des Architekten für den Festsaal nicht anerkannt. Es stützte sich dabei auf zwei (von drei) – wissenschaftlich umstrittene – Gutachten der Professoren Falk Jäger aus Berlin und Gert Zimmermann aus Weimar. Diese testierten dem Saal nicht die erforderliche schöpferische Höhe und hatten keine Bedenken gegen einen Abriss und eine Erneuerung. Das Gericht wies die Klage des Architekten zurück.

4. Die zweite juristische Instanz, das Oberlandesgericht in Dresden, stützte sich dagegen mehr auf die in Fachkreisen für die architekturhistorische und architekturtheoretische Beurteilung der Werke der Moderne hoch anerkannte Professorin Simone Hain von der Universität in Graz, die in sehr überzeugender Weise während einer Führung (Verhandlung des OLG am 16.10.2012) durch den Kulturpalast die Besonderheiten und Vorzüge dieses Bauwerkes dem Richterkollegium darstellte. Das OLG erkannte dem Kläger sein Urheberrecht auch für den Festsaal zu, erklärte jedoch gleichzeitig, dass die Stadt berechtigt sei, als Eigentümer des Palastes den Saal abzureißen und durch einen neuen zu ersetzen – ein sichtbarer Widerspruch in sich. Die beiden Parteien sollen sich nun zu einem Vergleich durchringen und dem OLG einen Vorschlag unterbreiten.

5. Der moralische Aspekt des Vorgehens seitens des Architekten von Gerkan bedarf einer gesonderten Erörterung im Berufsverband BDA. Es erhebt sich die Frage, ob es mit dem Moralkodex des BDA vereinbar ist, dass ein prominentes Mitglied dieses Verbandes dazu beiträgt, ein bedeutendes Werk eines noch lebenden Berufskollegen zu zerstören und zu verfremden. In eigener Sache hat Herr von Gerkan gegen eine Veränderung und Verfremdung eines seiner Werke (Hauptbahnhof Berlin) gerichtlich angekämpft und sein Urheberrecht eingeklagt.

6. Die Stadt Dresden – als Verklagte – hat sich für die juristische Vertretung den gleichen Anwalt genommen, der Herrn von Gerkan vertritt (s. Hauptbahnhof Berlin). Das hat bei den Beobachtern dieses Prozesses einen fatalen Eindruck hinterlassen.

7. Das fachlich für die Vorbereitung des geplanten Umbaues zuständige Hochbauamt hat dem Stadtrat wiederholt geschönte Zahlen für die zu erwartenden Baukosten des Kulturpalast-Umbaus vorgelegt. Von kompetenten Experten wird eingeschätzt, dass die ursprünglich mit 65 Mio. EUR, später mit 81 Mio. EUR angegebenen Kosten bei weitem nicht ausreichen und voraussichtlich eine Höhe von mindestens 110 Mio. EUR erreichen werden. Wer übernimmt in der Stadt die Verantwortung für die Konsequenzen, die sich daraus ergeben?

Prof. Dr.-Ing. habil. Manfred Zumpe ist Ehrenvorsitzender des Bund Deutscher Architekten (BDA) Dresden.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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