Sieben Sünden

Dienstag, 3. Juli 2012

Zum letzten Konzert der Philharmoniker
im Festsaal des Kulturpalastes – ein Nachruf
von Peter Bäumler

Es sind allein unter den Schweren schon „Sieben Sünden“ – das Abräumen von Geschichte und städtebauliche Fehlentscheidungen, welche die Stadtentwicklung Dresdens seit den frühen 90iger Jahren bis heute kennzeichnen:

  • gegen die Entwicklung des Ostra-Geheges durch eine Internationale Gartenbauausstellung IGA
  • gegen einen Pavillion für zeitgenössische Kunst im Herzogin-Garten nach einem Entwurf von Frank Stella
  • für eine Fabrik („Gläserne Manufaktur“) im Großen Garten
  • für die Vernichtung des stadtgeschichtlichen Gedächtnisses in den historischen Kellern und Resten des Frauentores aus dem 13. Jahrhundert durch Einebnung für eine Tiefgarage am Neumarkt und gegen den Verbleib des Westgiebels der Frauenkirche an seiner Einschlagstelle als authentisches Mahnmal
  • für den Neubau eines Groß-Stadions im Zentrum der Innenstadt, unmittelbar am Großen Garten
  • für eine Tiefgaragen-Zufahrtrampe in der Wilsdruffer Straße, die eine Fußgängerzone werden sollte
  • für den Bau der Waldschlößchenbrücke und den Verlust des Welterbe-Titels

Nun ist der Sündenliste – meistgelesene Webseite des Autors – eine weitere Sünde anzufügen: Der Verlust des Kulturpalastes in seiner Ganzheit als anerkanntes Kulturdenkmal der Nachkriegsmoderne.

Das eigentlich Herausragende an diesem Architekturprojekt steckt im Inneren, in der Struktur der Räume, in der Vielfalt und Beweglichkeit der Nutzungen. Eine noble Innenarchitektur schuf den Rahmen sowohl für festliche Konzerte und Empfänge wie für Kinderfeiern, Jazzabende oder Laienschauspiel – Ein Volkshaus eben.

So der Architektur-Kritiker Wolfgang Kil.

Die bevorstehend weitgehende Entkernung entwertet den Kulturpalast als Gesamtkunstwerk. Herausgebrochen wird der multifunktionelle Festsaal, bisher nicht alleinige Spielstätte der Dresdner Philharmonie. Nachfolgend wird ein vollständig neuer Saal in aktueller Weinbergkonfiguration eingezogen, der dann überwiegend der Hochkultur, Konzerten der Phiharmoniker dient. Die Argumente dagegen und dafür sind getauscht genug, darum werden sie hier nicht wiederholt. Pointiert sagt’s ein Prominenter der klassischer Musik, Peter Schreier: „Der Kulturpalast lebt mit Klassik und mit Populärkultur, warum das ändern, wenn es funktioniert?“ – Notwendige Sanierung, Renovierung und akustische Verbesserungen unbenommen.

Am Sonnabend den 30. Juni 2012 dirigierte Michael Sanderling die Dresdner Philharmoniker zum vorerst letzten mal im Kulturpalast. Seit 1969 gab es, beginnend mit dem Einzugskonzert im Festsaal unter Kurt Masur dort viele spektakuläre Abende, ob in der Klassik oder im Unterhaltungsbereich. Auch dieses 9. Außerordentliche Konzert der Philharmonie, das in die Geschichte als Auszugkonzert aus dem Festsaal eingehen dürfte, war in zweifacher Sicht spektakulär. Einmal das musikalische Erlebnis, der überlang vierstündige, einem einzigen Komponisten gewidmeter Abend, ausschließlich aus emotionsreichen Werken Antonín Dvoráks zusammengestellt. Drei durch Pausen getrennte Blöcken, in denen zentral Dvoráks Instrumentalkonzerte erklangen. Erfreulich, mit wenigen Abstrichen hervorragend bestritten von jungen Solisten: der Geigerin Veronika Eberle, am Klavier Martin Helmchen und als Cellist Daniel Müller. Vorangestellt waren jeweils die erzmusikantischen Slawischen Tänze. Zum Abschluss des langen Abends zelebrierten die drei Solisten allein auf der Bühne mit dem „Dumky“ e-Moll Trio ein klangfarbenreiches kammermusikalisches Feuerwerk.

Die andere Seite des Spektakulären: Die Solisten blieben auch allein bis zum Ausklingen des ihnen geltenden jubelnden Applauses. Denn die Usance, wie der Rezensent sie kennt, folgte nicht – dass der künstlerische Leiter des Abends seine Gäste per Applaus verabschiedet. Zumal es die letzten Gäste auf einer letztmals bespielten Bühne waren. Chefdirigent Michael Sanderling erschien nicht, vielleicht war er gar nicht mehr im Haus.

Und so verwundert nicht, ist aber umso mehr anzuprangern, dass dem Ereignis des letztmaligen Spiels in diesem Saal, der 43 Jahre lang den Einwohnern der Stadt und vielen seiner Gäste Kulturheimat war, niemand der Offiziellen, auf keine Weise Ehre antat. Wenn schon nicht das Stadtoberhaupt, Oberbürgermeisterin Helma Orosz, so hätte der Intendant des Hauses, Anselm Rose, Worte zum Abschied finden müssen und einen Blumenstrauß für die Saalbauer Leopold Wiel und Wolfgang Hänsch.

Das Haus war ausverkauft. Viele Dresdner wollten zum letzten mal „ihren Kulti“ erleben. Das Publikum war viereinhalb Stunden begeistert mitgegangen. Die Erwartung, dass irgendetwas Solches geschähe, lag vibrierend in der Luft. Die Struktur des Abends, drei Pausen, bot Möglichkeit genug. Allein im dürren Programmheft fand sich das Wort „Ausklang“ als einziger Hinweis auf das Ende. Hände des Abschieds wurden geschüttelt, so viel wie nie zu beobachten. Garderobieren bekamen artikulierten Dank. Der Logenschließer zum Autor, bevor er nach diesem die Türe schloss: „Wir haben gekämpft, aber es half nichts.“

Dr. Peter Bäumler arbeitet als freier Journalist in Dresden. Er schreibt zu den Themen Architektur, Verkehr, Kunst und Kultur.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 03.07.2012 aktualisiert.
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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Auch ich will mich nicht wiederholen, sondern nur ein paar Dinge ergänzen. Es hätte sich aus meiner Sicht nicht nur gehört, Leopold Wiel und Wolfgang Hänsch, sondern auch Werner Matschke auf die Bühne zu holen, dem es als Direktor des Kulturpalastes gelungen ist, “sein” Haus durch alle Höhen und Tiefen des kulturellen Lebens ohne größere Blessuren zu schiffen. Außerdem sind seine Leistungen als Chorleiter des Bergsteigerchores legendär. Deshalb hätte es sich meines Erachtens gehört, zum “Abschied” auch ein Konzert des Bergsteigerchores ins Programm aufzunehmen.

    Der “Abschied” vom Kulturpalast begann freilich wesentlich früher, und zwar schleichend.

    Die Dresdener Neuesten Nachrichten titelten Anfang Juni “Ausverkauf im Kulturpalast-Das Haus soll Ende September besenrein übergeben werden”(DNN vom 2./3. 6. 12, S. 17), und der Kommentator der Dresdner Morgenpost merkt an: “Im Kulti heißt es Abschied nehmen-nicht nur für die, die dort fast ihr ganzes Berufsleben verbracht haben, sondern auch für die Dresdner, die mit ‘ihrem’ Kulti alt geworden sind.”(DM vom 2. 6. 12, S. 4)

    Peter Zacher schließlich kommt nicht umhin, in seiner Rezension des 9. Außerordentlichen Philharmonischen Konzertes(DNN vom 2. 7. 12, S. 7) gleich zu Beginn noch ein mal auf die außergewöhnlichen Begleitumstände dieses Abschiedskonzertes einzugehen. Als Vertreter der Umbaubefürworter führt er Aussagen ins Feld, die widersprüchlicher nicht sein können:

    Hänschs “Planung entsprach der Vorgabe, einen Mehrzwecksaal zu bauen. Ein Saal aber, der für alles taugen soll, taugt jedoch für nichts zu hundert Prozent. Hänsch hat gute Arbeit geleistet, aber eben nach den Standards der 1960er Jahre. Die Außengestalt des Palastes steht inzwischen unter Denkmalschutz und kann so Zeugnis kreativer Architektenarbeit ablegen. Damit müsste eigentlich den Interessen Hänschs besser gedient sein als mit dem kompromisslerischen Festsaal. Die Stadthallenarchitektur, wie sie in der DDR üblich war, ist nicht nur ästhetisch überholt, sondern entspricht auch nicht den Anforderungen an einen Konzertsaal, wie er für eine Stadt mit dem künstlerischen Selbstverständnis Dresdens unumgänglich ist.

    Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Gründe, die die Gegner des Umbaus ins Feld führen, nicht als unberechtigt beiseite gewischt werden dürfen. Nicht alles, was bisher im Palast stattgefunden hat, wird nach dem Umbau noch möglich sein. Allein die Reduzierung der Plätze von 2400 auf 1800 ist ein hoher Preis.”

    Ein Preis, der nicht bezahlt werden müsste, wenn die Philharmonie nicht auf ihrem Alleinvertretungsanspruch in Sachen E-Musik beharren würde.

    Der Architekt selbst hat frühzeitig die Wege aufgezeigt, die den Interessen aller Nutzer bestmöglich entsprechen würden. Auch denen der Philharmonie.

    … schrieb Jürgen Karthaus am Donnerstag, dem 05.07.2012, um 17:32 Uhr.

  2. Die Mehrheit hat keine Lobby. So hätte die Überschrift lauten können, wenn es um den Umbau des Kulturpalastes mit Konzertsaal ausschließlich für die Dresdner Philharmonie geht. Die 200.000 Besucher der Veranstaltungen der Heiteren Muse pro Jahr müssen künftig in die Messe, die alles andere als das festliche Ambiente des Kulturpalastes bieten kann. Die 90.000 philharmonischen Konzertbesucher sind in der Minderheit, die sicher mit einer alternativen Lösung zufrieden gewesen wären. Wie aber diese Zeitung berichtete, sind die Dresdner Philharmoniker voller Hoffnung und Sehnsucht, koste es, was es wolle. Und es kostet! Wie sieht die Realität wirklich aus? Es ist nicht sicher, ob der neue Konzertsaal eine gute Akustik bekommt. Es ist nicht sicher, dass der neue Saal künftig ausgelastet wird. Es ist nicht sicher, ob die 81 Millionen € Baukosten reichen werden. Sicher ist, dass das Finanzkonzept abenteuerlich ist und dass dieses Projekt selbst das jährliche Budget der Philharmonie künftig gefährden kann. Sicher ist auch, dass Dresden als “Kulturmetropole von Rang” entwickelt werden sollte (Ziel Nr. 1 der OB seit 2010), aber dieses Ziel mit solch einem Umbau kaum möglich ist. Um mehr Kultur-Tourismus akquirieren zu können, denn das vorhandene Potential gäbe es her, bedarf es anderer Konzepte. Vor allem müssen in der Landeshauptstadt die städtischen Interessen und die Landesinteressen zu einer Strategie gebündelt werden, um im Kampf um die touristischen Quellmärkte den harten Wettbewerb bestehen zu können. Mehr Touristen bedeutet mehr Kaufkraft, also mehr Einnahmen, und mehr Arbeitsplätze. Es geht also nicht nur um 150 Musiker. Hier geht es um viel mehr. Es geht um komplexe Zusammenhänge und um Zukunft. Wer nur auf die Sehnsüchte von Musikern hört, hat im globalen Wettbewerb schon verloren.

    … schrieb Margita Herz am Donnerstag, dem 12.07.2012, um 21:27 Uhr.

  3. Am 26.06.2012 gab die Landeshauptstadt Dresden eine Antwort auf eine Einwohneranfrage von Jana Knauth zur Finanzierung des Umbaus und Betriebs des Kunlturpalastes. Tenor – Was Wunder? –: alles im grünen Bereich.

    … schrieb Die Redaktion am Samstag, dem 21.07.2012, um 12:56 Uhr.