Fragen zum neuen Konzertsaal

Donnerstag, 19. Juli 2012

von Wilfried Krätzschmar

Die Dresdner Neuesten Nachrichten ließen auf ihren Kulturseiten in der Ausgabe vom 29.06.2012 drei Stimmen, Chefdirigent und zwei Orchestermusiker der Dresdner Philharmonie, zu Wort kommen, die in wohltuender Unaufgeregtheit ihre Gedanken zum geplanten Einbau eines neuen Konzertsaales in den Kulturpalast „zwischen Wehmut und Vorfreude“ zum Ausdruck brachten.

Es ist mir als Dresdner wichtig, hierzu ebenfalls einige Gedanken zu äußern; nicht zuletzt von der Erfahrung gedrängt, die immer wieder zu machen ist, dass ein sehr großer Teil der Mitbürger offenbar überhaupt nicht im Bilde ist, worum es konkret geht.

Die Dringlichkeit, für die Dresdner Philharmonie eine qualitätsvolle Spielstätte zu schaffen, ist allgemein bekannt. Das Orchester, seine Hörer, aber selbst die eher nur allgemein am Dresdner Kulturleben Teilnehmenden hoffen und bangen seit Jahren bzw. Jahrzehnten auf eine kulturpolitische Tat, welche die hier angestaute Verantwortung endlich in ein Resultat überführt.

Ob der geplante Einbau eines neuen Saales in den Kulturpalast dieses Resultat sein kann, wird einerseits erhofft und behauptet, andererseits jedoch mit Skepsis gesehen bzw. verneint. Letzteres vor dem Hintergrund, dass eine Reihe von Fragen in den bisher erfolgten offiziellen Darstellungen zum Umbau keine überzeugenden Antworten gefunden haben:

Wird die Stadt Dresden mit diesem Konzertsaal tatsächlich als Musikmetropole im internationalen Wettbewerb in der ersten Reihe der Musikstädte bestehen können?

Oder ist es falsch, diese Frage in diesem Zusammenhang zu stellen – aber wo würde sie dann und von wem behandelt? Denn dass es sich hier um eine nicht nur kulturell, sondern genauso wirtschaftlich und gesamtpolitisch grundsätzliche Frage handelt, steht außer Zweifel.

Wieso kommt die Sächsische Staatskapelle, die mit einer ähnlichen nicht endlos aufschiebbaren provisorischen Situation zurechtkommen muss, in den Planungen nicht vor?

Wieso agieren überhaupt in einer solchen für die Landeshauptstadt existentiellen Frage die Verantwortlichen von Stadt und Freistaat nicht zusammen? Die peinliche Panne mit dem verpassten Finanzierungsantrag lässt dieses Thema in ausgesprochen ungutem Licht erscheinen.

Warum orientiert man sich bei einem solchen Projekt nicht an den internationalen Standards für eine moderne Konzertstätte? Beispiele gibt es in großer Zahl, auch innerhalb Deutschlands, und sogar in Dresden haben Experten bereits mehrfach auf hochkompetenten Podien von diesen Beispielen berichtet.

Warum plant man statt dessen eine Spielstätte ohne die erforderliche weitere Umgebung – Orchesterprobensaal, Kammermusiksaal, Räumlichkeiten für Kommunikation, Begegnung, Chorarbeit, VIP-Empfänge – die für das Funktionieren eines Konzertortes unverzichtbar sind?

Zu diesen konzeptionellen Unwägbarkeiten kommen die Komplexe der unklaren Sachfragen.

Die Frage der Finanzierung: Mit der Zusicherung, die Kosten für die Stadt würden 65 Millionen Euro nicht überschreiten, wurde der Stadtratsbeschluss herbeigeführt. Inzwischen tritt zutage, dass die Kosten Dimensionen erreichen werden, mit denen man durchaus ein neues Konzerthaus würde errichten können.

Die Frage des Urheberrechts: Das Vernichten einer Architektenleistung, der Rechtsstreit, und unabhängig von den Rechtsfragen einfach auch das Verschwinden eines Stückes Identität – all diese problematischen Begleiterscheinungen sind gegenstandslos, wenn für das Errichten eines Konzertortes in Dresden ein anderer als der Weg des Umbaus gefunden wird.

Die Frage der Multifunktionalität: Die Stadthallenfunktion verschwindet ersatzlos. Dixielandfestival und andere Veranstalter haben ihr Bedauern bereits bekundet. Die behauptete Mischnutzung des Konzertsaales ist mit harten Zahlen (außer dem Verlust an Plätzen) nicht zu belegen. Der Verweis auf die Messe ist tatsächlich nicht mehr als eine Ersatzlösung, der Stadt nicht würdig und allein infrastrukturell (Restaurantgewerbe!) ein Schildbürgerstreich.

Gibt es eine taugliche Alternative, und wie realistisch kann diese sein?

  • Ein Konzerthaus in Dresden zu bauen, welches mindestens dem Anspruch des Gewandhauses in Leipzig entspricht (Dort gegenüber der Oper! Mit nur einem städtischen Orchester!), ist die einzige wirklich zukunftsfähige Option, wenn man im Konzert des internationalen Wettbewerbs wahrgenommen werden will.
  • Die Kosten dafür werden sich nicht erheblich unterscheiden von dem, was für den Umbau des Kulturpalastes mit allen Neben- und Folgeaufwendungen aufgebracht werden muss.
  • Die unwägbaren Nebenwirkungen des Umbauprojektes einschließlich der Ausquartierung der Dresdner Philharmonie für unbestimmte Zeit können vermieden werden.
  • Die erforderliche Kommunikation von Stadt und Land ist eine politische Anstrengung, aber nicht unrealistisch, sondern vielmehr (und nicht nur für dieses Thema) einzufordern. Die planende Vorbereitung des späteren Betriebes, die Einbeziehung privater Potenzen, die Konzipierung für eine umfassende inhaltliche Belebung
    • Musik mit anderen Künsten an zentraler Stelle für die Identität Sachsens!
    • Sensible Brückenfunktion zu den europäischen Nachbarn!
    • Einbeziehung breiter Öffentlichkeit durch Öffnung zu Unterhaltung und Event!

    zu leisten gehört zu den Kernaufgaben der Kulturpolitik.

Eine letzte Frage: Warum wurden Alternativen bisher nicht erörtert? Eine große Phalanx Dresdner Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Bereichen hat Fragen und das Ansinnen zu Gesprächen immer wieder vorgetragen, ohne akzeptiert, oft ohne mit einem Bescheid bedacht zu werden. Die Grundlagen für die oben geäußerten konzeptionellen Fragen sind ausgearbeitet und liegen in ausführlichen Papieren vor, die weit über den Anfangsstand des Visionären bereits sehr in die praktische Realität vordringen.

Und eine allerletzte Frage: Ist noch Zeit? Die Antwort ist nicht leicht. Die Umbaubetreiber haben in einer so unansprechbaren Weise Brücken für Alternativen hinter sich abgebrochen, dass man ihr Bild als unausweichlich wahrzunehmen hat – koste es, was es wolle, auf Gedeih und Verderb.

Bleibt nur die Hoffnung – für Dresden. Und die Tatsache, nicht stumm geblieben zu sein.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 19.07.2012 aktualisiert.
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