Einfahrt hat die Saxonia

Dienstag, 22. Mai 2012

Das Jahr 2019: „Auf dem Alten Leipziger Bahnhof in Dresden dampft die Saxonia, die erste in Deutschland gebaute Lokomotive. Würdiger Anlass ist die heutige Eröffnung des neuen Verkehrsmuseums an dem für die Verkehrsgeschichte einmaligen Ort. Vor 180 Jahren wurde hier die erste deutsche Ferneisenbahn von Leipzig nach Dresden eröffnet.“

von Christian Helms

Eine Vision, die Wirklichkeit werden könnte. Voraussetzung ist jedoch, dass der Großmarkt auf dem Bahnhofsareal nicht gebaut wird. Noch ist dieses Vorhaben einer überregionalen Supermarktkette mit 9.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und 1.000 Parkplätzen nicht vom Tisch. Am 24. Mai 2012 steht es auf der Tagesordnung des Stadtrates. Dass Dresden im Vergleich zum Bundesdurchschnitt schon über doppelt so viel Verkaufsfläche je Einwohner verfügt, dass dieser Supermarkt zusammen mit den weiteren im Bau befindlichen und geplanten Einkaufszentren den Verdrängungswettbewerb weiter forcieren würde, dass die sich daraus zwangsläufig ergebende Konzentration auf wenige Großstandorte die wohnungsnahe Versorgung gefährdet, scheint für manche Stadtpolitiker kein Hinderungsgrund zu sein. Ebenso wenig scheint sie zu interessieren, dass besonders einkommensschwache Bevölkerungsgruppen sowie der wachsende Anteil von alten Bürgern mit geringerer Mobilität von diesen Entwicklungen benachteiligt werden, dass durch längere Einkaufswege der Autoverkehr und damit die Umweltbelastungen zunehmen. Um solche negativen Entwicklungen zu verhindern, beschlossen die Stadtpolitiker das Zentren-Konzept, lehnten die zuständigen Ortsbeiräte von Neustadt und Pieschen den Großmarkt ab. Auch die Fachgutachten sprechen sich deshalb gegen diesen Großmarkt aus. Ganz abgesehen davon, dass der Masterplan der Stadt für die Leipziger Vorstadt auf dem Alten Leipziger Bahnhof eine kulturelle Nutzung vorsieht. Die Ansiedlung des Großmarktes auf dem Alten Leipziger Bahnhof richtet sich gegen eine langfristig sinnvolle Stadtentwicklung; letztendlich gegen die Interessen der Bürger.

Dem steht gegenüber, dass alle Planungen und Gutachten eindrucksvoll die kulturelle Nutzung bestätigen, auf dem Alten Leipziger Bahnhof das Verkehrsmuseum zu entwickeln. Denn über die umfassende Präsentation von Zeugnissen der Verkehrsgeschichte hinaus bietet dieser Standort – in Verbindung mit dem benachbarten alten Hafen – auch die einmalige Chance für neue Schwerpunkte dieser Museumsarbeit. Hier können die neuesten Entwicklungen und Perspektiven einer nachhaltigen Mobilität ein wichtiges und für neue Besuchergruppen attraktives Thema werden. Die einschlägigen Forschungseinrichtungen, die Verkehrswirtschaft, alle Sparten der Fahrzeughersteller können hier ihre Ideen und Konzepte, bis hin zu neuen Produkten der Öffentlichkeit nahe bringen. Neben der inhaltlichen Zusammenarbeit wäre die Beteiligung der Wirtschaft auch bei der Finanzierung des Verkehrsmuseums vorstellbar.

Bereits vor 17 Jahren beriefen die Sächsischen Minister für Wissenschaft und Kunst bzw. Finanzen eine internationale Gutachterkommission. Museumsfachleute, Architekten und Denkmalpfleger waren aufgefordert, Empfehlungen zur Unterbringung der Staatlichen Sammlungen und Museen in Dresden zu unterbreiten. 50 Jahre nach der Zerstörung der Innenstadt befanden sich viele Museen noch immer in kriegsbedingten Ausweichquartieren. Kaum eine Sammlung konnte ihre Bestände so präsentieren, wie es ihrer Bedeutung angemessen wäre.

Für das Verkehrsmuseum stellten die Gutachter fest, dass im Johanneum am Neumarkt die notwendigen Entwicklungsmöglichkeiten nicht gegeben sind. Wegen Platzmangel kann nur ein geringer Teil der Bestände gezeigt werden. Sie forderten deshalb eine Erweiterung der Ausstellungsfläche um das 6-fache. Außerdem hielten sie das Renaissancegebäude für die großen Exponate denkbar ungeeignet. Ihre Unterbringung ist museal und denkmalpflegerisch höchst unbefriedigend, oft sogar unmöglich. Sie schlugen deshalb vor, für das Verkehrsmuseum einen „still gelegten Bahnhof mit erhaltenen Perrondächern“ zu suchen. Das mit dem Residenzschloss baulich verbundene Johanneum sollte künftig den Staatlichen Kunstsammlungen zugeordnet werden. Wie seit Jahrhunderten könnte es durch eine entsprechende museale Nutzung auch inhaltlich wieder zum Schlosskomplex gehören.

Der Alte Leipziger Bahnhof

Für den künftigen Standort des Verkehrsmuseums bietet sich das brach liegende Areal des Alten Leipziger Bahnhofs zwischen dem Bahnhof Dresden Neustadt und dem alten Hafenviertel an. In zentraler und verkehrsgünstiger Lage sind seine geforderte Erweiterung und seine Neuausrichtung möglich. In seiner verkehrsgeschichtlich einmaligen Bedeutung ist dieser Ort dafür geradezu prädestiniert. Endete hier doch – wie eingangs erwähnt – die aus Leipzig kommende, 1839 eröffnete erste deutsche Ferneisenbahn. Noch sind die prägenden und unter Denkmalschutz stehenden Gebäude aus der Frühzeit der Eisenbahn vorhanden. Darüber hinaus würde das Verkehrsmuseum der zentrumsnahen, jedoch lange vernachlässigten Leipziger Vorstadt die dringend notwendigen Entwicklungsimpulse geben.

Von der Stadt Dresden, von der Technischen Universität Dresden, vom Freistaat Sachsen sowie von auswärtigen Fachleuten wurden für den Standort des Alten Leipziger Bahnhof zahlreiche Gutachten erstellt, Varianten untersucht und erste Planungen erarbeitet. „Alle Arbeiten, die sich im Laufe der letzten zwei Jahre der Ansiedlung des Verkehrsmuseums Dresden auf dem Gelände des Alten Leipziger Bahnhofs widmeten, kamen zu einem positiven Ergebnis. Es wird festgestellt, dass der Standort ein hervorragendes Potenzial zur attraktiven Einbindung des Verkehrsmuseums bietet“, lauteten einhellig die Resümees des Stadtplanungsamtes, der Stadtplaner und der Museumsfachleute. Der international renommierte Professor Günther Gottmann vom Deutschen Technikmuseum Berlin bekräftigte in seinem Gutachten von 1999,

dass dieser „authentische Ort“ in jeder Beziehung ideale Bedingungen für die Zusammenführung und zeitgemäße Präsentation der verstreuten, oft provisorisch untergebrachten Bestände bietet.

Hightech und Barock – Zukunftstechnologien und stolze Vergangenheit – eine Vision Sächsischer Politiker – auf dem Alten Leipziger Bahnhof könnte sie Wirklichkeit werden. Sachsen könnte zeigen, dass es weit mehr zu bieten hat als die kulturellen Leistungen längst vergangener Epochen. Mit seinen wissenschaftlichen Einrichtungen der Verkehrs- und Umwelttechnik, mit seiner Fahrzeug- und einschlägigen Elektronikindustrie könnte es sich der Welt wie in seinen besten Zeiten als innovatives und zukunftsfähiges Land empfehlen – Vorausgesetzt, die Stadträte entscheiden sich gegen den Großmarkt auf dem Alten Leipziger Bahnhof.

Die Saxonia im Verkehrsmuseum

Hinweis: Das Areal des Alten Leipziger Bahnhofs ist (unmittelbar neben dem Bahnhof Neustadt) auf dem Lageplan dargestellt und auch bei Google Maps leicht zu finden.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. Zwickmühle für die Stadtpolitik

    Wohl unter Doninanzdruck konservativ-liberaler Mehrheit hat Oberbürgermeisterin Helma Orosz mit der Tagesordnung für die nächste Stadtratssitzung am 24. Mai 2012 den Politikern eine Quasi-Zwickmühle zwischen “Teufel und Beelzebub” arrangiert: Die Räte haben zu entscheiden über

    TOP 23 Aufstellungsbeschluss, Globus-SB-Markt am Alten Leipziger Bahnhof (9000 qm Handelsfläche, 1000 Stellplätze)

    und über

    TOP 24 Bebauungsplan, Einkaufszentrum und Hochhaus am Alberplatz (7000 qm Handelsfläche, 440 Stellplätze)

    Beide Groß-Einkaufscenter/Märkte im Stadtteil Neustadt liegen 1 Kilometer weit voneinander entfernt. Mit den beantragten Handelsflächen widersprechen sie allen Zielen der Stadtentwicklung SEK, dem Zentrenkonzept für die Stadtteile, Gutachter sprechen vehement gegen den Globus-Markt, Die Ortsbeiräte lehnten ab, die Händlerschaft protestiert …

    … schrieb Dr. Peter Bäumler am Dienstag, dem 22.05.2012, um 18:35 Uhr.