Rufplätze im Niemandsland

Samstag, 18. Februar 2012

Gutachter Wolfgang Hahn entgegnete seinerseits, dass es auf Grund der Geländestrukturen durchaus möglich sei, einzelne Rufer festzustellen. Es wechselten lockere und dichte Grasbestände und es gäbe Vertiefungen. Während der Mauser seien die Tiere flugunfähig und müssten sich wie auch die noch nicht flüggen Jungen über Tag in dichten Bewuchs zurückziehen.

Wie auch immer: Den Vorkommensnachweis sprachlich so zu gestalten, dass sich später noch das genaue Gegenteil herauslesen lässt, ist Sache des Protokolls. Dort wurde sinngemäß notiert: Man müsse den Lebenszyklus des Wachtelkönigs betrachten und dabei die Eignung des Gebietes als Gesamtlebensraum hinsichtlich der Habitatsstrukturen. Passend dazu gab das Gericht eine Stellungnahme des Regierungspräsidiums für die Gebietsausgliederung bekannt, nach der genügend Ausweichgebiete für den Wachtelkönig existierten und Kohärenz (Ausgleich) gewährleistet sei.

Auf dieser Linie blieb während der ganzen Verhandlung logischerweise auch Dr. Mierwald. Er wiederholte gebetsmühlenartig die üblichen Hindernisse, die Johannstädter Elbwiesen ungeeignet für den Wachtelkönig machen würden: Siedlungsnähe, Gefahr für Jungvögel durch freilaufende Hunde und – jagende Katzen.

Seit Jahren immer wieder und vor allem: Katzen. Selbst satte Katzen seien eine Gefahr. Was spielt es da für eine Rolle, dass auch das Ostragehege Siedlungsgebiet ist, dass es da eine Hundeschule gibt und Hundebetreuer, die Hunde frei herumlaufen lassen, Störungen durch Großveranstaltungen, dass das Landesamt andererseits das strittige ausgegliederte Gebiet zu den Top 5 des gesamten Vogelschutzgebietes zählt und Herr Wolf von der unteren Naturschutzbehörde der Landeshauptstadt alle drei Dresdner Wachtelkönigsgebiete für geeignete Habitate hält.

Es half alles nichts: Dr. Mierwald hatte einen Narren an den Johannstädter Katzen gefressen. Hier suchte der Ornithologe die Entscheidung. Im Zentrum stand ein Gutachten, dass die Grüne Liga in Auftrag gegeben hatte, um Mierwalds Obsession mit greifbaren Fakten an der Wirklichkeit zu messen. Untersucht wurde im Sommer 2011 Ostragehege, Johannstädter Elbwiesen und die Elbwiesen bei Tolkewitz,

„welche jeweils als Biotop und somit grundsätzlich als Fortpflanzungs-, Rast- und Mausergebiet für den Wachtelkönig geeignet sind […]  auf folgende, mögliche Störfaktoren für vorkommende, adulte und juvenile Wachtelkönige […]:

  • Hauskatzen, welche Jungtiere erbeuten und damit auch brütende, fütternde, rastende, ruhende und mausernde, adulte Tiere stören und vertreiben können.
  • Hunde, welche v.a. freilaufend durch Streunen und Stöbern adulte und juvenile Tiere erheblich beunruhigen, vertreiben, verletzen und töten können.
  • Personen, welche durch verschiedene Freizeitaktivitäten oder durch einfache Präsenz in sensiblen Bruträumen zu Stress, Fluchtverhalten und nachhaltiger Vergrämung führen können.

Ergänzend wurde der Zustand der Elbwiesen hinsichtlich der Grasmahd untersucht, dessen Zeitpunkte für eine erfolgreiche Rast, Brut und Mauser der Art ganz wichtig sind.

Dr. Mierwalds Sorge um Wachtelkönige durch Johannstädter Katzen stellte sich letztlich als unbegründet heraus:

Die Johannstädter Elbwiesen zeigen im Vergleich insgesamt die größten Flächenanteile gering gestörter Bereiche und erweisen sich unter Beachtung der zumindest im Mai und Juni beobachtbaren Wachtelkönigreviere als unbedingt zu berücksichtigendes Habitat in bezug auf den öffentlichen Schutz, die Pflege und Entwicklung.

[…]

Abschließend ist festzustellen, dass eine bedeutende Rolle der Hauskatze für das Vorkommen des Wachtelkönigs für alle drei Gebiete auf Basis der durchgeführten, intensiven Beobachtungen nicht abzuleiten ist. Ein unregelmäßiges Auftreten von Hauskatzen von den randlichen Wohnbebauungen (Johannstadt, Blasewitz und Tolkewitz) und Kleingärten (Ostragehege) aus ist grundsätzlich nicht auszuschließen; jedoch ist [...] vielmehr eine Jagd auf frisch gemähten oder vergleichsweise niedrig bewachsenen Wiesen zu erwarten (Jagd auf Mäuse). [...]

Auch diese Untersuchung kann Mierwald freilich nicht akzeptieren. Denn er hat, und das war, wenn die Frage des faktischen Vogelschutzgebietes abschließend beantwortet sein wird, zweifellos einer der Höhepunkte des jahrelangen quälenden Ringens, seine eigene Untersuchung durchgeführt.

Hahns methodischer Ansatz ist für Mierwald erwartungsgemäß zunächst einmal falsch. Die Begehungen seien noch vor dem Sonnenuntergang abgebrochen worden, erst bei späteren Begehungen seien sie kurz nach Sonnenuntergang beendet worden. Mierwald sieht außerdem ein Problem darin, dass die Begehungen regelmäßig montags stattgefunden hätten, an diesem Tag seien die geringsten Störungen zu erwarten, geringer als am Wochenende. Es sei festzustellen, dass nach absoluten Zahlen die meisten Hunde in den Johannstädter Elbwiesen waren.

Offenbar hatten unsere Brückenbauer Wind von den Untersuchungen an den Elbwiesen bekommen: Am 12. Juli 2011 machte sich also Dr. Mierwald auf, um zwischen 22.00 und 1.00 Uhr nachts den Verkehr auf dem Käthe-Kollwitz-Ufer zu zählen. In der ersten Stunde seien es noch 540 Kfz gewesen, mit der Zeit weniger. Damit ist für Mierwald eine Barrierewirkung des Käthe-Kollwitz-Ufers nicht mehr gegeben. Nach Mitternacht wäre der Verkehr dann von 150Kfz/h  auf 120 Kfz/h zurückgegangen. Durch Ausleuchten habe er um etwa 0.24 Uhr eine Katze beobachtet, die sich streunend in Richtung Wachtelkönighabitat bewegte. Er habe an ihrem Blinzeln erkannt, dass es sich um eine Katze gehandelt haben müsse. Selbst eine einzelne Katze könne den gesamten Vogelbestand vernichten.

Was, wie man hinzufügen muss, freilich dann auch für andere Habitate gelten würde. Dass unter artenschutzrechtlicher Betrachtung die Handlampenausleuchtung des Herrn Mierwald bedenklich sei, wie Hahn erklärte, mag da kaum ins Gewicht fallen. Bedenklicher wäre, worauf einiges hindeutet, wenn Mierwald bei seiner Katzenjagd selbst Nistschutzgebiet betreten und brütende Vögel gefährdet hätte. Methodisch richtiger wäre es nach Hahns Auffassung jedenfalls gewesen, den Bereich während der Nachtzeit auszuleuchten. Dr. Schreibers einfache Frage, wie viele Katzen Dr. Mierwald bei gleicher Methode in Tolkewitz und im Ostragehege festgestellt, blieb unbeantwortet. Das Hauptproblem sei nach wie vor ein Mähen der Wiesen zur Unzeit. Nährstoffeinträge infolge Hochwassers gäbe es auch in Tolkewitz und im Ostragehege.

Im Grunde, und das ist das eigentlich Erschreckende, haben fast acht Jahre keine neuen Erkenntnisse in der Katzenfrage gebracht. Dr. Schimkat (NSI) hatte 2004 in einer weiteren Stellungnahme geschrieben:

Das Vorkommen von Bodenfeinden ist kein Argument dafür, dass die Elbwiesen nicht im Sinne des Wachtelkönigs und anderer Zielarten des Naturschutzes zu erhalten und zu entwickeln sind. Selbstverständlich sollten die Elbwiesen so gepflegt und entwickelt werden, dass der Einfluss solcher Bodenfeinde auf die Population möglichst gering sind. Dies beinhaltet vor allem die Schaffung von genügend Versteck- und Unterschlupfmöglichkeiten für diese Vogelart (z. B. hochgrasige und vernässte Wiesenbereiche, dichte Sträucher, Hecken und Säume sowie hohe Feuchtbrachen).

[...]

Auf die weiteren von SCHIMKAT & TÖPFER (2003) aufgeführten Argumente zu einer eventuellen Gefährdung des Wachtelkönigs, wie durch Lärm- und Lichtemissionen etc. geht die Stellungnahme von MIERWALD (2003) nicht ein, so dass diese Aussagen aus dem ersten Gutachten des NSI so stehen bleiben.

Obwohl sich Wachtelkönige bisher also partout nicht auf die vom Freistaat ausgewiesenen SPA-Gebiete beschränken wollen, ja ihre Nachweise sogar im WSB-Bereich noch zugenommen haben, suchte Dr. Maiwald unverdrossen weiter nach Möglichkeiten, die lästigen Rallenvögel durch ein verändertes Mahdregime zu vertreiben.

Dr. Schimkat hatte diese Versuche bereits vor reichlich sieben Jahren (2004) mit deutlichster Bloßstellung zurückgewiesen, die für Wissenschaftler unterhalb des Übergehens durch Schweigen noch möglich ist:

Es hieße nun, den Ornithologen sowie den Naturschutz- und Fachbehörden des Freistaates jede Kompetenz abzusprechen, wenn man behauptet, den Schutz des Wachtelkönigs diene es, die Elbwiesen möglichst „wachtelkönigfeindlich“ zu pflegen, damit er nicht in eine von streunenden Katzen und stöbernden Hunden gestellte ökologische Falle tappe (MIERWALD 2003).

Ausgerechnet bei den Johannstädter Elbwiesen versagt Dr. Mierwald letztlich der gesunde Menschenverstand. Der wüsste nämlich längst eine bessere Lösung: Stellt einfach ein paar Vogelscheuchen auf!

 

Eine Art Identität

Die Tricksereien des Freistaates sind auch für weitere streng geschützte Arten, wie Grüne Keiljungfer, Eremiten oder Wiesenknopf-Ameisenbläuling, gut dokumentiert. Zu jeder Art gibt es unglaubliche Berichte über Versäumnisse, Interesselosigkeit und Ignoranz des Vorhabenträgers. Vieles davon konnte in Bautzen benannt werden. Dass die gefällten Eichen auf der Neustädter Seite absprachewidrig abtransportiert wurden, bevor sie auf Besiedlungsspuren des Eremiten (Osmoderma eremita) untersucht werden konnten, ist nur eine unter vielen Pannen, den gesamten Tunnelkomplex einmal außen vor gelassen.

Experten aber sind es, die mit umstrittenen naturschutzfachlichen Aussagen auch diesmal zum Urteil beigetragen haben, die Einwendungen der Kläger griffen nicht durch. Wenn sich die Umweltverbände entschließen, Naturschutzfragen von einem nichtsächsischen Gericht klären zu lassen, haben sie also alle Unterstützung verdient. Dass es Grund zur Hoffnung gibt, zeigt die Freiberger Umgehung. Mögen Politiker des Freistaates weiter darüber lächeln: In der schweren Beschädigung der Elbwiesen manifestiert sich auf besondere Weise der quälende, tief sitzende Konflikt in Dresden und Sachsen. Eine Heilung dieser Landschaft als Naturerbe bleibt unverzichtbare Forderung.

Als Kurt Biedenkopf kürzlich aus Sachsen fortzog, schwärmte ein Dresdner Journalist pflichtschuldigst von den Verdiensten des Landesvaters. Er habe „den Sachsen eine Art Identität“8 wiedergegeben. Diese Identität hat uns in die inzwischen sprichwörtlich gewordene Sächsische Demokratie geführt.

Das Bedürfnis von Untertanen, ihren Herrschern in allen Dingen nachzueifern, ist gut untersucht9. Es ist höchste Zeit, sich von der Großmannssucht eines kleinen Königs zu befreien. Das gilt auch für den Umgang mit der Natur. Eine Bedeutung des Begriffes Identität meint Einzigartigkeit. Die aber kann nur zurückerrungen werden, auch für das Dresdner Elbtal. An der Lösung des Elbwiesenkonfliktes wird sich zeigen, wie ernsthaft ein Wandel ist – wenn er denn kommt.

 

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Danksagung: Herzlich bedanken möchte ich mich bei Silvia Friedrich für die umfangreichen Verhandlungsprotokolle, die sie teils in handschriftlicher Form, teils als Textdaten zur Verfügung gestellt hat sowie das Foto (August 2011) vom blühenden Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) an der Baustelle Waldschlösschenbrücke.

 

1 Ufer, Peter: Magirius: Dresden versinkt in Mittelmäßigkeit, Sächsische Zeitung, 16. 03.2009
2
Lambrecht, Trautner et. al., Fachinformationssystem und Fachkonvention zur Bestimmung der Erheblichkeit im Rahmen der FFH-VP, 2007, S. 45
3
Lambrecht, H., Peters, W. Köppel, J., Beckmann, M., Weingarten, E., Wende W.  (Bearb.): Bestimmung des Verhältnisses von Eingriffsregelung, FFH-VP, UVP und SUP im Vorhabensbereich, 2007, S. 3
4 Erwiderung, Anlage B 40, S. 2; Siehe auch: Antrag Planungsergänzung der LHDD, 2010, S.7, mit Bezug auf Froelich & Sporbeck: „zeitnahe Wiederherstellung der relativ kleinflächig beanspruchten LRT-Fläche innerhalb einer Vegetationsperiode“
5 Froelich & Sporbeck, Auswirkungen des Verkehrsvorhabens Waldschlösschenbrücke auf ausgewählte Lebensraumtypen und Arten des SCI „Elbtal zwischen Schöna und Mühlberg, Stand: 03.09.2008, S. 20
6 Schreiber, Matthias: Ergänzende naturschutzfachliche Anmerkungen zu ausgewählten Auswirkungen der Waldschlösschenbrücke auf Arten und Habitate des FFH- und Vogelschutzgebietes, 2011, S. 7
7 Nolle, Karl: Sonate für Blockflöten und Schalmeien, Dresden 2009, S. 112
8 Friedlaender, Ludwig: Sittengeschichte Roms, Wien 1934, S. 33 ff
9 Alexe, Thilo: Zwischen Laptop und Lederhose, Sächsische Zeitung, 04. 02.2012, S. 8

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Dieser Artikel wurde zuletzt am 27.02.2012 aktualisiert.
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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Vielen Dank für diesen umfangreichen Beitrag, der auch für mich als Beobachterin der Gerichtsverhandlungen im Verfahren der Naturschutzverbände gegen die Planfeststellung der WSB noch viele interessante Zusatz- und Hintergrundinformationen lieferte, besonders zu den rechtlichen Grundlagen des Verfahrens, zu den Gutachtern der Beklagten und zu einer der wichtigsten geschützten Tierarten, um die es in diesem Jahr an mehreren Verhandlungstagen ging.

    Aber ich möchte auch noch eine Kleinigkeit beisteuern zu dem Bild. Die Bedeutung erhält dieses Bild dadurch, dass der Große Wiesenknopf als Habitat also als geschützte Futterpflanze und Fortpflanzungsstätte des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings betrachtet werden muß, der auf der Neustädter Elbseite mit einigen Exemplaren und Eiablagen nachgewiesen wurde. Auch Nester seiner ebenfalls für seine Fortpflanzung notwendigen Wirtsameisen wurden in der Nähe der Waldschlösschenbrücke gefunden, auch in der Neustadt allerdings auf der anderen Seite der Brücke. Für mich ist das ein eindeutiges Beispiel für die Zerschneidungswirkung der Brücke, die von den Beklagten das gesamte Verfahren hindurch bestritten wurde.

    Darüber hinaus bestritten die Beklagten, dass es vor der Baufeldfreimachung auf der jetztigen Baustellenfläche die in anderen Unterlagen für die Fläche ausgewiesenen Eiablagen des Dunklen Wiesenknopfameisenbläulings gegeben habe. Wer soll das angesichts direkt am Bauzaun wachsender üppiger Wiesenknopfbestände glauben? Der ungemähte Streifen direkt neben der Baustelle war voll von Wiesenknopf-Pflanzen.
    Nur hätte der Ameisenbläuling hier nach Inbetriebnahme der Brücke wohl keine Chance, weil der zusätzliche Stickstoffeintrag in die Magere Flachlandmähwiese bekannlich durch mindestens 2 Mahden beseitigt werden soll – damit wird dann wohl gemäht, bevor die Entwicklung der Raupe im Wiesenknopf abgeschlossen ist.

    … schrieb Silvia Friedrich am Sonntag, dem 19.02.2012, um 19:48 Uhr.

  2. Vielen Dank Herr Hellmich für diesen wichtigen Beitrag, das die sächsische Justiz auch in anderen Fällen unter ständiger Kritik steht, kann man heute in der ZEIT online Ausgabe lesen:

    http://www.zeit.de/2012/10/Mandy-Kinderbordell-Sachsensumpf/komplettansicht

    (auch Leserbriefe lesen!)

    Ich hoffe, dass außerhalb von Dresden endlich Recht gesprochen wird.

    … schrieb Friedericke Faust am Freitag, dem 02.03.2012, um 11:48 Uhr.