Fassung für den Dresdner Postplatz – ein Baustein kommt hinzu

Montag, 9. Januar 2012

Wüstenei, Unort, Grässlichkeit, so bezeichnen die Einen den gepflastert leeren Platz ohne umrahmende Häuser herum. Andere sogar – dem Autor nahestehend – verweigern das Queren. Eine, wenn auch nur temporäre Begrünung des als ‚Steinern‘ angelegten Platzes ist, der unten verlegten Infrastrukturen geschuldet, nicht möglich. Bis dann die CDU sogar Blumenkübel forderte, wie lästernd die Grünen feststellten. Pflichteilig nahm sich die Stadtoberhäuptin Helma Orosz persönlich der Sache an und ließ „Wiese in Flachkisten“ auf dem Platz verteilen. Eine als ‚Kunst im öffentlichen Raum‘ finanzierte, Torförmige Wasserdusche, die anfangs selten funktionierte, dürfte den Kabarettisten Uwe Steimle angeregt haben, eine mit einem Blumengesteck verzierte Kloschüssel in der Nacht eines 1. April hinzu zu gesellen. Worauf Rathausmitarbeiter diese umgehend wieder abtransportierten, und die Schüssel an anderer Stelle wieder auftauchte … So spannend kann es auf dem flächengrößten Platz der Stadt zugehen, die der kleine Partner einer großen Stadtratskoalition eine Metropole nennt.

von Peter Bäumler

Der Dresdner Postplatz war nie ein ‚Schöner‘ im Sinn der Plätze der ‚Europäischen Stadt‘. Er bezog seine Wertigkeit als höchstfunktionaler Hauptverkehrsplatz der Stadt. Die Bomben des Februar 1945 legten ihn mitsamt dem ganzen Umfeld in Schutt und Asche. Einzig das teilbeschädigte Schauspielhaus konnte schon im Jahr 1948 wieder eröffnen. Das benachbarte Stadthaus wurde später wiederhergestellt. Die Ruine der Sophienkirche, die wiederaufgebaut hätte werden können, fiel einer Abriss-Entscheidung der DDR-Machthaber zum Opfer. Über Ruinenresten des früheren Telegrafenamtes wurde der in der Erdgeschosszone festungsartige vergitterte Komplex Postgebäude errichtet. Ein kleiner Rundpavillon, von den Dresdnern liebevoll Käse-Glocke genannt und als Servicepunkt der Verkehrsbetriebe genutzt, ist die einzige Konstante in der Mitte des Platzes seit seiner Errichtung im Jahr 1928 bis heute. Der Postplatz markiert aus seiner Geschichte und Funktion heraus einen wichtigen Eingangsbereich in die Altstadt Dresdens. Auch heute ist er ein hoch frequentierter Knotenpunkt des öffentlichen Personennahverkehrs.

Schon in den ersten Nachwende-Jahren befasste die Stadt sich mit Erneuerungs- und Aufbau-Plänen für den Postplatz. Sie mündeten in einem 1991 durchgeführten Städtebaulichen Ideenwettbewerb. Die Kölner Architekten und Stadtplaner Joachim und Margot Schürmann, konnten diesen mit einem inspirierenden Entwurf für sich entscheiden. In kluger Überlegung soll dieser dem Postplatz mit Wallstraße eine, gegenüber früher neue, weit ausgreifend gegliederte Gestalt geben. Weiterentwickelt wurde das Konzept, nach vielerlei Beratung in Gremien und Stadtrat, in einen Bebauungsplan Postplatz/Wallstraße gefasst, der seit 2000 rechtskräftig ist.

Professor Schürmann in einem Gespräch, das er 2005 mit dem Autor führte:

Dieser westliche ‚Stadtrand‘ Dresdens ist ein dramatisches Thema. Wo auf der Neustädter Seite enggefasste Straßenräume sind, mit schönen, geschlossenen Fassaden, tun sich nach der Augustusbrücke offene Räume auf, die ganz typisch sind für Dresden. Gebäude dort, wie die Hofkirche, das Italienische Dörfchen, die Semperoper, die Schinkelwache, stehen scheinbar willkürlich in der Gegend. Das bildet Plätze, denen das Rechtwinklige völlig fehlt. Es ist der besondere Reiz, dass sich auf dem Weg von Norden nach Süden ständig neue Platzräume öffnen – bis alles ab Postplatz im Niemandsland einer Stadtbrache endet. Dieses Erlebnis von Raumfolgen wollen wir fortsetzen. Und das genau wird in unserer Planung umgesetzt. Der Postplatz soll kein streng gefasster Architekturplatz mit monolithischer Umbauung werden, keine große Plaza Mayor oder Piazza del Popolo, sondern ein Gebilde aus kleineren Platzräumen. Einer vor dem Schauspiel, ein anderer als Wilsdruffer-Torplatz an der Einmündung in die Straße, dann einer über der früheren Festungs-Bastei Saturn. Der Postplatz selbst wird so eher Teil einer Raumfolge vom Theaterplatz zum Ring, als ein eigenständiger städtischer Großraum, der ja auch in ungute Konkurrenz zum Zwinger treten würde.

Ein weiterer, maßgeblich konzeptioneller Gedanke Schürmanns ist die Anlage eines mit hoher Aufenthaltsqualität ausgestatteten Grünringes um die Altstadt. Im Entwurfsbereich von Schürmann zeigt er sich mit zwei Alleenreihen, dazwischen ein Wasserlauf, etwa entlang der früheren Befestigungslinie bis zur Bastion Merkur (Dippoldiswalder Platz) und weiter zum Dr.-Külz-Ring. Von dort – nach einer Konzeptplanung des Architekten Stefan Braunfels in frühen 90iger Jahren – als Promenaden-Ring weiterlaufend bis zum Pirnaischen Platz, bis zur Elbe.

Wesentlich für Schürmann war, den Platzverkehr stark zu beruhigen. Straßenbahnen ja, aber Autoverkehr ganz verbannt. Eine logische und überzeugende Lösung des Potsdamer Verkehrsplaners Herbert Staadt hatte aufgezeigt, dass dies möglich ist. Die von der dominierenden Stadtratsmehrheit durchgesetzte Öffnung der Freiberger Straße, die Tiefgaragenzufahrt in der Wilsdruffer Straße und erheblicher Versorgungs- und Parkverkehr in die Altmarktgalerie haben dieses Konzept aufgeweicht.

Sehr lange tat sich auf dem Areal der Brache Postplatz nichts. Der Platz, dessen Bauten einen modernen Kontrapunkt zu dem barocken Nebenan setzen sollen, musste erst infrastrukturell saniert werden. Mit einem Aufwand von 48 Millionen Euro schuf die Stadt Voraussetzungen für die bauliche Entwicklung des Postplatzes nach dem nun gültigen Bebauungsplan. Im unterirdischen Bauraum sind die Ver- und Entsorgung künftiger Hochbauten vorbereitet. Die Platzfläche ist, wie eingangs persifliert geschildert, als steinernes Plafond vor dem Schauspielhaus und den zukünftigen, platzbegrenzenden Bauten nur minimalistisch gestaltet. Der Verkehr mit 16 Bahn- und Buslinien für 35.000 Passagiere am Tag ist neu geordnet.

Die neue Zentralhaltestelle der Verkehrsbetriebe unter einem breit gespanntem gläsernen ‚Schmetterlingsdach‘ entstand am Zwickel Wilsdruffer/Wall-Straße. Ein Zwillingspylon und eine 42 Meter hohe Stele markieren dort nun auch, wo historisch das Wilsdruffer-Tor gewesen ist. Ein verkehrlich überzeugendes Gleisdreieck in Platzmitte war bei den heute notwendigen Bahnlängen nicht mehr möglich. Die Haltestellen-Überdachung ist zu hoch angelegt. Die Folge sind Regeneinschlag, Zugigkeit und insgesamt monströse Wirkung.

Bauen um den Platz kann die Stadt selbst nicht. Sie braucht dafür Investoren, und diese zu gewinnen braucht Zeit. Als erster Investor errichtete die TLG Immobilien GmbH im Jahr 2008 an der Stelle, auf der früher die Großgaststätte ‚Fresswürfel‘ stand, den Wilsdruffer Kubus, der den Firmensitz des EDV-Weltunternehmens SAP beherbergt.

Die TLG bleibt auch weiter am Postplatz aktiv. Zur Grundsteinlegung am 8. November war die Baugrube ausgehoben, über der ein sechsgeschossiges Haus bis 2013 entstehen wird. Sein Grundriss ähnelt einem Dreieck, das einen seiner Schenkel tief in den Platz streckt. Als Riegel hat Schürmann das bereits so geplant und genannt, der den entstehenden kleinen Schauspielplatz vom Bastionsplatz trennt – und nicht, denn der Riegel ist mit großzügig hoher Arkade durchgängig öffentliche Freifläche und verbindet so wiederum die beiden Freiflächen.

Vorausgegangene Forderungen der Verkehrsbetriebe, den Riegel zu kürzen oder die Arkade mit Bahnen zu unterfahren, um wieder auf gerader Linie in die Schwerinerstraße zu gelangen, scheiterten schon im Planfeststellungsverfahren zugunsten der städtebaulichen Komposition. Die gekrümmte Trasse verursacht Zeitverlust und höhere Betriebskosten.

Die Bauherren nennen ihren Neubau „Zwinger-Forum“. Dies war schon einmal Name eines herausragenden Architekturprojektes in Dresden: Gottfried Semper hatte eine von ihm entworfene Erweiterung des Zwingers so bezeichnet. Geschichtsbewusste Dresdener befremdet die Verwendung dieser Bezeichnung für ein Kommerzprojekt in Sichtweite zum Zwinger.

Professor Thomas Knerer, dessen Büro den Fassadenwettbewerb der Stadt gewann, zur Architektur des Gebäudes:

Der Neubau soll als Platzkante des Postplatzes und als räumlicher Abschluss der im Norden geplanten Grünanlagen in der Marienstraße wahrgenommen werden. Die Fassade folgt klassischen und zeitlosen Gestaltungsprinzipien. Deshalb gibt es einen zweigeschossigen Sockel mit einer Galerie und Stützenzwischenräumen in stehendem rechteckigen Format und einen viergeschossigen Aufbau mit Lochfassade, die nicht kaschiert, welche Nutzung dahinter steckt: Hotelzimmer und Büros.

Die Fassade erhält Ihren Charme und Noblesse durch ihr Material, sandfarbener Klinker, und die Details: die Schäfte zwischen den Fensteröffnungen sind gegeneinander verschränkt und verleihen der strengen Gliederung eine dezente Lebendigkeit.

Im Bürotrakt werden eine Ingenieurtechnische Informatikfirma die Büros mit Zwingerblick beziehen. Als Hauptmieter installiert die Hotelkette Motel One wie sie sagt „228 schicke Design-Zimmer“ im mittleren 2-Sterne Komfortbereich. Unter den Arkaden im Erdgeschoss hat die Eingangshalle des Hotels ihren Platz. Deren Bar kann bei geeigneter Witterung auch Freiplätze im Arkaden- und Platzbereich versorgen. Ein Restaurant der gehobenen Klasse stellt der Romantik-Hotel-Gastronom Mario Patis.

Mit dem ‚Zwinger-Forum‘ ist ein weiterer Baustein dem Ensemble hinzugefügt. Wenn dann in Jahren alles gelungen ist, hat sich der gesamte Zug von der Augustusbrücke bis zum Dr.-Külz-Ring zu einer Platzraumfolge von europäischem Rang entfaltet und die heute erst in der Infrastruktur angelegte Komposition wird deutlich.

Dr. Peter Bäumler arbeitet als freier Journalist in Dresden. Er schreibt zu den Themen Architektur, Verkehr, Kunst und Kultur.

Abbildungen: Visualisierung von knerer und lang Architekten GmbH sowie TLG Immobilien GmbH, Lageplan und Modell des Stadtplanungsamts Dresden

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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4 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ein sehr aufschlussreicher Text, vielen Dank. Allerdings befindet sich der Firmensitz von SAP immer noch Walldorf.

    … schrieb Roland am Mittwoch, dem 11.01.2012, um 15:01 Uhr.

  2. Leider kann ich die überwiegend positive Bewertung der Raumgestaltung und der Architektur rings um den Postplatz nicht teilen. Wir haben es vielmehr bei dem Bürowürfel, dem sogenannten “Wilsdruffer Kubus”, dem Erweiterungsbau der Altmarktgalerie und dem im Bau befindlichen “Zwingerforum” mit Investorenarchietektur zu tun, die wir in ihrer Beliebigkeit auch in Hamburg und Köln, in Düsseldorf und Stuttgart uws. antreffen. Städte werden damit in ihrem Erscheinungsbild austauschbar. In Dresden wirkt sich dies besonders verheerend aus, weil hier der städtebauliche Raum, der sich von der Augustusbrücke her so wunderbar in Richtung Postplatz “mäandert”, sein plötzliches Ende an Gebäuden findet, die wie eine Mauer das historisch gewachsene Ensembles aus Kathedrale, Schloss, Zwinger, Semper-Oper und Italienischem Dörfchen vom übrigen Organismus der Innenstadt abschneidet.

    In den 1950er Jahren erlebte ich als Schüler den Postplatz trotz der Zerstörung ringsum noch als lebendigen Organismus. Damals hatten die heutigen Wilsdruffer und Schweriner Straße noch “Magistralencharakter”.Heute hingegen darf ein Bauherr ohne jegliches Gespür für historisch gewachsene Strukturen mit Zustimmung des Stadtrates und der Stadtverwaltung den Öffentlichen Personennahverkehr und den Individualverkehr bar jeder Logik Zickzack-Linien fahren lassen. Ein rechtzeitiger Blick auf Stadtpläne aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg hätte so manche Dresdner Fehlentwicklung der letzten zwei Jahrzehnte verhindert.

    … schrieb Jürgen Karthaus am Mittwoch, dem 11.01.2012, um 15:03 Uhr.

  3. Herr Jürgen Karthaus ! Ich kann Ihnen in Ihrem Beitrag vom 11.01.2012 nur zustimmen.Leider hat man nach dem Krieg die Dresdener Innenstadt nicht wieder nach Originalvorlage aufgebaut,macht auch heute keinerlei Anstrengungen hierzu und so wird eine der wichtigsten europäischen Städte des Barock und der Renaisance unwiederbringlich verloren gehen für die Europa und der Welt.Schade und vor allem schade für den für Dresden so wertvollen Tourismus,der hier nichts anderes zu fotographieren hat als die sozialistischen “Vorzeigebauten”und viel Wiese.
    Was hätte denn dem entgegen gestanden,die Innenstadt wieder historisch oder historisierend aufzubauen ? Ohne Beton und Betonbauten.Die amerikanische kapitalistische GAGFAH hat diese sozialistischen Bauten in der Innenstadt sogar noch “geadelt”,indem sie diese Bauten käuflich erworben und somit auch eine Neubebauung dieser Areale unmöglich macht damit.Für Dresden,seine Zeugnisse der Baukultur der vergangenen Jahrhunderte und den Tourismus ist damit kein Gefallen getan worden.!”Elbflorenz”im Sinne des alten historischen Dresdens ist unwiederbringlich zerstört.Das heutige “moderne”Dresden,welche seine “Existenz” einem vorausgegangenen verheerenden Luftangriff “verdankt”,ist ein Konglomerat aus allem,was nichts mit Dresden zu tun hat.Siehe auch die LEGO-LAND HÄUSER am Altmarkt,der ja wiederum auch keiner mehr ist.
    Also wirklich schade.

    … schrieb Salvador Müller am Freitag, dem 13.01.2012, um 19:29 Uhr.

  4. Zitat Salvador Müller:
    “… und so wird eine der wichtigsten europäischen Städte des Barock und der Renaisance unwiederbringlich verloren gehen …”

    “… ”Elbflorenz”im Sinne des alten historischen Dresdens ist unwiederbringlich zerstört…”

    Dresden wurde am 13. Februar 1945 zerstört.

    Ein Festhalten an alten Straßenzügen mag ja an einzelnen Arealen wie dem Jüdenhof oder dem Neumarkt gut und passend sein, es aber für die gesamte Innenstadt zu fordern, ist für meine Begriffe nur Nostalgie und Altertümlichkeit.

    Die Forderung in Dresden die Privat-Pkw fast komplett abzuschaffen und den Verkehr nur mit alten Hecht-Straßenbahnen und Pferdedroschken abzuwickeln sowie in den Mietwohnungen die Bäder herauszureißen und sich mit Waschbecken, Warmwasser vom Küchen(kohle)herd und Außentoilette zu bescheiden, habe ich dagegen noch nicht gehört.

    Ich will damit nicht behaupten, jeder heutige (Dresdner) Zustand wäre auch gut so, die Behauptung, man bräuchte nur das alte Dresden wieder aufbauen und alles wäre gut, ist aber ebensowenig zutreffend.

    Eine bessere Architektur an wichtigen Dresdner Plätzen fordere ich trotzdem. Wenn ich zum Beispiel die Erscheinung des damailigen Freßwürfels mit dem heutigen Wilsdruffer Kubus in Korrespondenz mit dem Zwinger betrachte, schätze ich die Leistung der beiden Architekten der HO-Gaststätte höher.

    Auch das zwanghafte Bestreben, freie Flächen lieber mit billiger, langweiliger Standardarchitektur zuzubetonieren, als vorläufig mit ein paar Grassamen, Bäumen, Bänken und einer Kinderrutsche Freiraum für heute und Möglichkeiten für bessere Architekten und Stadtplaner morgen zu erhalten, missfällt mir stark.

    Schön, dass ich das mal gesagt habe, Auswirkungen wird mein Geschreibsel leider keine haben.

    … schrieb Matthias am Samstag, dem 14.01.2012, um 13:34 Uhr.