Dem Dresdner Kulturpalast droht die Vernichtung

Mittwoch, 7. September 2011

von Heidrun Laudel

Im Kunstmuseum Moritzburg in Halle ist gegenwärtig – noch bis zum 9. Oktober 2011 – die Ausstellung „Eine Stadtkrone für Halle“ zu besichtigen. Sie dokumentiert den Wettbewerb zu einer Stadthalle mit Museum und Sportanlagen aus den Jahren 1927/28. Auf dem hart am Ufer aufsteigenden „Lehmannsfelsen“ – so die Absicht der Protagonisten – sollte sich ein Komplex von Kulturbauten zu einer „Stadtkrone“ zusammenschließen. Wäre der Plan umgesetzt worden, hätte ein Traum der Architekten von einem Neuanfang nach den Verheerungen des Ersten Weltkrieges reale Gestalt angenommen. Es wäre eine „Stadtkrone“ entstanden, in der man – wie es Bruno Taut in seiner gleichnamigen Schrift aus dem Jahre 1919 prophetisch verkündete – das „Sinnbild menschlichen Gemeinschaftslebens“ schlechthin verkörpert sah: „ein urbanes Zentrum für freie Menschen in freier Zeit“.1

Kulturkomplex für Halle, Wettbewerbsarbeit Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, 1927

Die Stadt Halle hatte damals das Glück, in Richard Robert Rive ein Stadtoberhaupt zu besitzen, das als ausgesprochener Förderer der Moderne agierte. Rive war es, der den Bauhausmeister Lyonel Feininger mit dem berühmten Zyklus der Halle-Bilder beauftragte und Rive war eben auch fest entschlossen, eine durch Kulturbauten geprägte „Stadtkrone“ in seiner Stadt Wirklichkeit werden zu lassen. Dazu lud er die namhaftesten Architekten der Zeit zu einem Wettbewerb ein, unter ihnen: Walter Gropius, Hans Poelzig, Peter Behrens, Emil Fahrenkamp, Paul Bonatz und Wilhelm Kreis. Hätte nicht die Wirtschaftskrise einen Schlussstrich unter die Pläne gezogen, die Stadt Halle wäre zum Zentrum sozialutopischer Architektur der Klassischen Moderne geworden.

Maison du peuble in Brüssel, erbaut 1896–99 von Victor Horta

In dieser Komplexität ist die Idee eines alles vereinenden großen Kulturkomplexes nie umgesetzt worden. Aber sie hat Eingang gefunden in die durch die Gewerkschaftsbewegung getragene Tradition des Volkshauses, das den Menschen vielfältige kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten bot. In ganz Europa wuchsen sie aus dem Boden: als einfache „case del popolo“ in Italien, als „maisons du peuble“ in Frankreich und Belgien … In den Niederlanden wurde gar ein komplettes Programm vom Typ „volkshuis“ realisiert. Neben den eher schlichten Volkshäusern entstanden aufwändig bis nobel ausgestattete Gebäude, die allen Grund hatten, Kultur-„Paläste“ genannt zu werden und die zugleich Architekturgeschichte mitgeschrieben haben. Das Brüsseler „maison du peuble“, 1896 von Victor Horta entworfen, stellte eines der ganz frühen Beispiele neuen funktions- und materialbezogenen Bauens dar: weg von der üblichen Fassadenarchitektur, hin zu einer Front, in der sich die inneren Strukturen in einer bisher nicht gekannten Offenheit darboten. In die Reihe solcher „Signalbauten“ gehört zweifelsohne auch der Dresdner Kulturpalast. Einem Paukenschlag gleich leitete er die Ära des Neuen Bauens im Nachkriegs-Dresden ein.

Die ausgewiesene Kennerin der Nachkriegsmoderne und Inhaberin des Lehrstuhls für Stadt- und Baugeschichte an der TU Graz, Simone Hain, sieht im Dresdner Kulturpalast den Beginn des neuen Typs mit multifunktionalem Saal und frei verwandelbaren Foyerräumen gegeben. Sie schreibt: „Der Prototyp der neuen Generation von Kulturhäusern […] erlebte 1960 im Dresdner Kulturhaus-Wettbewerb den entscheidenden Durchbruch. Nicht allein in der äußeren Gestalt des gläsern transparenten Kubus fand die neue industrielle Ästhetik ihr Sinnbild, sondern auch in einer neuartigen Raumkonzeption,“ die von Leopold Wiels Mitarbeiter Klaus Wever entwickelt worden war. „Sie bestimmte den Saal zu einem gleichrangigen und frei konfigurierbaren, räumlichen Element unter anderen, ebenso wichtigen Funktionsräumen und räumte im Ansatz dynamischen Darstellungsformen des modernen epischen Theaters Entwicklungsmöglichkeiten ein. Das zentrale Foyer als ein Ort allseitig ungerichteter Kommunikation wurde in seiner Bedeutung noch durch die darüberliegende Kuppel betont.“2

Der auf einen steinernen Sockel gesetzte Glaskörper präsentierte sich – ganz im Sinne der Ästhetik eines Mies von der Rohe – als neutrale Hülle für eine wandelbare Vielfalt kultureller Betätigung.

Kulturpalast Dresden, Entwurf von Leopold Wiel (TU Dresden) unter Mitarbeit von Klaus Wever, 1959

Das ursprünglich angedachte, äußerst komplexe Programm konnte allerdings nicht in Gänze verwirklicht werden. Schon sehr früh erlitt die Bauform einen empfindlichen Eingriff, als das Planetarium aus Kostengründen aus dem Programm gestrichen werden musste. Damit entfiel die schwebende Kuppelschale, die den Kubus auf sehr elegante Weise gekrönt hätte. An ihre Stelle trat die später realisierte gefaltete Kupferblechform als Ausstülpung des sechseckigen Saales im Inneren. Als weitere Reduzierungen notwendig wurden, waren sich die Architekten – Wolfgang Hänsch, Herbert Löschau und Klaus Wever – darin einig, keinerlei Abstriche an dem für eine äußerst vielfältige Nutzung konzipierten Mehrzwecksaal mit dem Kippparkett zuzulassen. Einsparungen wurden bei den umgebenden Funktionen vorgenommen. So bestand noch immer die Möglichkeit, das abgespeckte Programm, das ein Restaurant, Gesellschaftsräume, ein Studiotheater mit 192 Plätzen, den Orchesterprobensaal und verschiedene Klubräume umfasste, in späterer Zeit zu ergänzen.

Es war die richtige Entscheidung. Bis zum heutigen Tage wird von erfahrenen Veranstaltern der Kulturbranche betont, dass Dresden mit dem Kulturpalast und seinem Mehrzwecksaal eine vielfältig nutzbare Spielstätte besitzt, um die sie von anderen Städten beneidet wird. Kurz und bündig hat es Bernd Aust, der gerade erfolgreich das diesjährige Stadtfest organisiert hat, formuliert: „Das ist einfach ein genialer Mehrzwecksaal, von denen es nur ganz wenige gibt. Ihn umzubauen zum Konzertsaal, heißt Geld verbrennen.“3

Die Inspiratoren des aktuellen Umbauprojektes dürften sich nicht einmal annähernd mit der historischen Dimension und dem Grundcharakter des Kulturpalastes auseinandergesetzt haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass eine Lösung auf den Tisch gelangt ist, die die komplette Verkehrung eines so progressiv angelegten funktionellen Konzeptes darstellt. Nicht Offenheit und Flexibilität prägen den vorliegenden Entwurf, sondern eine festgefügte Struktur. Ein auf Spitzenakustik ausgelegter Konzertsaal wird in eine Bibliothek eingesenkt, die ihn fest umklammert. Die Frage wer unter welchen Umständen auf eine so absurde Idee kommen kann, die letztlich die Vernichtung des als „Stadthalle für Alle“ angelegten Gebäudes darstellt, ist nur eine rhetorische. Wir wissen, dass das Projekt, dem später der Stadtrat mehrheitlich zustimmte, im Jahre 2006 ganz im Verborgenen in einer der Amtsstuben des Finanzbürgermeisters „ausgeheckt“ wurde. Als im Frühjahr 2007 von diesem Alleingang etwas ruchbar wurde, löste das bei den Fraktionen der Opposition noch durchgehende Empörung aus. Doch zu Beginn des Jahres 2008 hatte sich die Situation gewandelt. Mit der zu erwartenden Zustimmung der Fraktion der Grünen und eines Teils der Fraktion Die Linke zeichnete sich eine satte Mehrheit im Stadtrat für den Vorschlag aus dem Amt ab. Die Fäden waren in geheimen Absprachen gut geknüpft worden. Denkmalschutz und Bürgerwille blieben außen vor.

Kulturpalast Dresden

Der Landtagsabgeordnete Karl-Heinz Gerstenberg aus der bündnisgrünen Fraktion hat Anfang Mai 2011 mit seiner Kleinen Anfrage an den Staatsminister des Inneren die gesamte Problematik noch einmal auf den Punkt gebracht. Mit Bezug auf die Denkmalbegründung des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen vom Juli 2008 hatte er wissen wollen, inwieweit beim Umgang mit dem Kulturpalast „neben seiner architekturgeschichtlichen und städtebaulichen auch“ dessen „herausragende kulturgeschichtliche Bedeutung“ in der Tradition der Volkshäuser seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert berücksichtigt wurde und inwieweit in diesem Zusammenhang der Mehrzwecksaal „als wesentlicher (integraler) Bestandteil des Denkmals Kulturpalast betrachtet“ worden sei. Dass die Antwort des Ministers ausweichend ausfallen würde, war zu erwarten. Dass er auf die angesprochene Wahrung der Funktion „Volkshaus“, überhaupt nicht einging, zeugt davon, dass Gerstenberg den wunden Punkt getroffen hatte.

Nur wer die Vorgänge in ihrer zeitlichen Abfolge kannte, konnte dem Antwortbrief des Ministers entnehmen, dass die Unterschutzstellung – nach jahrelangem Hinauszögern – erst erfolgte, nachdem der Stadtrat den Radikalumbau am 3. Juli 2008 beschlossen hatte: nämlich Anfang September 2008. Damit war die Denkmalpflege vor vollendete Tatsachen gestellt. Unter diesen Umständen – wohl um Schlimmeres zu verhindern – ließ sie sich in das Wettbewerbsgeschehen zum Radikalumbau ein. Ihre schriftlich fixierte Position verleugnend, sanktionierte sie damit das weitere Geschehen. Die gern benutzte, letztlich verräterische Formel vom „Weiterbauen am Denkmal“ musste herhalten, um von der eigenen Denkmalbegründung vom 31. Juli 2008 abzurücken, in der die Besonderheit des Mehrzwecksaales als integraler Bestandteil des Volkshauscharakters des Gebäudes hervorgehoben worden war.

Insgesamt erweist sich die jüngste Geschichte des Kulturpalastes als ein Lehrstück, welche Wege – Oder sollte man sagen: „Abwege“? – im Rahmen der Parlamentarischen Demokratie gegangen werden können, wie leicht es ist, außerhalb von Wahlkampfzeiten durch geschickte Lobbyarbeit Bürgerwillen gänzlich auszuschalten.

1 Bruno Taut, Stadtkrone. Jena 1919.

2 Simone Hain, Michael Schroedter, Stephan Stroux: Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR. Berlin: Links, 1996, S. 142

3 vgl. DNN vom 6. März 2003

Dieser Artikel wurde zuletzt am 07.09.2011 aktualisiert.
Sie können den Artikel als .pdf-Datei speichern ...
Gern können Sie auch diesen Artikel weiterempfehlen ...

Kommentare abonnieren

Ein Kommentar zu diesem Artikel

  1. Aufgelesen: Im eMagazin „german-architects“ hat kürzlich Wolfgang Kil einen lesenswerten Beitrag zum Kulturpalast veröffentlicht.

    … schrieb Eduard Zetera am Dienstag, dem 20.09.2011, um 21:14 Uhr.