Offener Brief von Prof. Hartmut Haenchen

Sonntag, 27. März 2011

An die Fraktionen im Stadtrat der Landeshauptstadt Dresden
An die Dresdner Philharmonie – Orchestervorstand
An die Dresdner und internationalen Musikfreunde

Liebe Kollegen der Dresdner Philharmonie!
Sehr geehrte Stadträte! Liebe Musikfreunde!

Die Würfel scheinen wieder einmal gefallen zu sein und ich kann verstehen, dass die Dresdner Philharmoniker in diesem Entschluss eine gute Entscheidung sehen.

Da ich von den letzten 5 Jahren fast zwei Jahre in Paris mit allen großen Orchestern und Opernhäusern gearbeitet habe, türmen sich bei mir die Bedenken, dass Dresden – mit weit weniger Geld ausgestattet – die gleichen Fehler macht wie Paris. Das liegt an der Art, wie der Auftrag für den Umbau gegeben wurde:

  • Die Akustik des Gerkan–Planes ist nachträglich (!) und – wie Sie gehört oder gelesen haben – ohne wesentliche Veränderungen von der Firma Peutz überprüft worden. Mit anderen Worten: Nicht die akustischen Parameter sind die Grundlage für einen Konzertsaal internationalen Ranges, sondern die architektonische Gestaltung. Damit disqualifiziert sich der Entwurf als Saal mit Weltklasse-Akustik selbst. Dies auch, da ich diese Akustik-Firma persönlich kenne und (als niederländische Firma) mit ihnen zusammen versucht habe, zwei Konzertsäle in ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude (!) zu bauen. Beide sind, trotz zahlreicher (teurer) Nachbesserungen akustisch untauglich und werden u.a. deshalb auch als Konzertsäle nun wieder aufgegeben. Die Firma Peutz ist gut in elektronischer Akustik-Unterstützung. Ich nehme aber nicht an, dass das gewollt sein kann.

    Ich verweise hier noch einmal auf die Pariser Erfahrungen: Der Salle Pleyel wurde für 135 Mio umgebaut. Da er – wie in Dresden ebenfalls geplant – nicht in erster Linie unter akustischen Prämissen umgebaut wurde, wird er nun von zwei (!) neuen Konzertsälen ersetzt. Einer im Rundfunkgebäude (Akustik: Yusuhisa Toyota von Nagat Acoustics, auf dessen Arbeit die Mehrzahl der akustisch hervorragenden Säle der Welt zurückgeht) durch die Nutzung des Raumes von 4 Studios und einer in der Cité de la Musique. Kostenpunkt zusammen ca. 400 Mio. Euro. Der Salle Pleyel wird nach allen teuren Umbauten der heiteren Muse vorbehalten bleiben (!).

  • Sie wissen sicher, dass eine Urheberrechtsklage von Prof. Hänsch eingereicht wurde, die Anfang Mai in Leipzig verhandelt wird. Nach dem Ihnen heute vorgelegten Zeitplan sollen aber Aufträge bereits vor diesem Termin vergeben werden. Angesichts der Tatsache, dass in mehreren großen Symposien (z.B. Weimar, Berlin, New York) die internationale Haltung sich gegenüber der Nachkriegsmoderne in den letzte Jahren wesentlich zu Gunsten der Anerkennung dieser Architektur geändert hat und der Kulturpalast einer der wenigen Säle ist, die noch erhalten sind und seit einiger Zeit unter Denkmalschutz stehen, ist damit zu rechnen, dass diese Klage zu Gunsten von Prof. Hänsch ausgeht. Auf die Stadt kämen mit der vorzeitigen Vergabe von Aufträgen erhebliche Schadenersatzforderungen zu.
  • Für mich stellt sich die Frage, ob die ungewöhnliche Leitungsstruktur des Hauses, so wie sie geplant ist, für die Dresdner Philharmonie funktionieren wird. Ich kenne kein Haus in der Welt, wo eine solche Konstruktion über längere Zeit wirklich arbeitsfähig war.
  • Die Position der Leitung der Staatskapelle ist deutlich und das Land Sachsen hatte immer wieder in unterschiedlicher parteilicher Zusammensetzung sich dahingehend geäußert, dass – wenn die Stadt daran mitarbeitet – sie einen Konzertsaal-Neubau finanziell unterstützen würde, um auch der Staatskapelle einen Konzertsaal zur Verfügung zu stellen und mit entsprechenden Gastspielen einen Schritt in Richtung „Musikmetropole Dresden“ zu gehen.
  • Und schließlich: Eine privatrechtliche Stiftung befindet sich im Aufbau, die – nach Luzerner Vorbild – sowohl den Bau als auch den Betrieb eines neuen Konzerthauses finanziell (die Flankierung von Stadt und Land vorausgesetzt) und organisatorisch vorbereitet. Es gibt also Alternativen auf dem Weg zur „Musikmetropole Dresden“
  • Ich hatte zweimal Gelegenheit mit Herrn José Manuel Barroso in Brüssel zu sprechen und wir werden uns im September wieder sprechen, wenn ich das Konzert zur Übernahme der polnischen Präsidentschaft dirigieren werde. Er ist ein eifriger Konzert- und Opernbesucher und auch mit der Kommissarin für Kultur Androulla Vassiliou konnte ich sprechen. In Brüssel ist nach Auskunft der Beiden niemals von Dresdner Politikern über die Unterstützung der EU für ein neues Konzerthaus gesprochen worden. Und wie ich feststellen konnte, gibt es da durchaus Wohlwollen für ein neues Konzerthaus in Dresden. Man müsste eben nur einmal die politische Initiative unternehmen.
  • Sie haben jetzt einen amtierenden OB, der in den Stadtrat gewählt wurde, da er einen Neuen Konzertsaal für Dresden versprochen hat.

Mit allen guten Wünschen für die richtigen Entscheidungen, denn auch in der großen Politik sehen wir, dass schlechte Entscheidungen durchaus korrigiert werden können, wenn man nur den Mut dazu hat

bin ich Ihr
Prof. Hartmut Haenchen
aus Paris

März 2011

Dieser Artikel wurde zuletzt am 27.03.2011 aktualisiert.
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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ja, die FDP, vor allem BM Hilbert als amtierender OB, muss sich fragen lassen, was sie von ihren Wahlversprechen 2009 hält. Zur Stadtratswahl ist die FDP angetreten und hat den Wählern ein neues Konzerthaus für Dresden versprochen. Das brachte viele Stimmen. Ohne ihre Zustimmung im Stadtrat würde es den fatalen Umbau des Kulturpalastes nicht geben. Sie hätten mal bei ihrer Meinung bleiben sollen. Dann würde die Stadt jetzt den Kulturpalast brav sanieren, wie es sich gehört und viel Geld sparen. Die Alternative ist sanieren und akustisch ertüchtigen und das gibt es für 75 Mio. Diese Berechnung der Stadt ist sicher richtig. Die Berechnungen für den Umbau sind “märchenhaft”. Wer’s glaubt, wird selig.

    … schrieb D. Weber am Freitag, dem 01.04.2011, um 19:04 Uhr.

  2. @D.Weber Ja, Änderung der Haltung der FDP zum Kulturpalast und zum neuen Konzerthaus passt zu den deutschlandweiten Umfragewerten zu dieser Partei – während “böse” Zungen behaupten, “FDP” wäre die Abkürzung für “Fast Drei Prozent” (viel mehr gab es bei den letzten Landtagswahlen ja auch nicht) – gaben die Umfragen ja auch die Erklärung: Die kleinsten aller Glaubwürdigkeitswerte, noch unter der Linken!

    Ich bin gespannt, wann der Dresdner und der Sächsische Wähler mal aufwacht.

    Aber noch wäre ja Gelegenheit, die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Herr Hilbert als 1.OB könnte sich ja mal hinter die Glaubwürdigkeit der Kostenberechnungen für Umbau und Sanierung des Kulturpalastes klemmen. Schließlich sprachen die Vertreter von Baukontrol im Rathaus 2009 für das Neue Konzerthaus noch für die FDP, wohl völlig überrascht vom Umschwung der FDP-Stadtratsfraktion zu Konzerthaus und Kulturpalast.

    Vielleicht wären das ja auch Ansprechpartner für Dresdens Erben bei der Untersuchung der Kostenfrage für Sanierung und Umbau. Fakt ist – wenn der Kulturpalast zum Konzertsaal umgebaut wird, wird es kein neues Konzerthaus geben – jedenfalls nicht in erlebbarer Zeit.

    … schrieb Silvia am Dienstag, dem 05.04.2011, um 17:22 Uhr.