(Waldschlößchen-) Blick hinüber? Hinüber!

Sonntag, 16. Januar 2011

von Silvia Friedrich

Seit Dezember 2010 ist die Durchschneidung des Dresdner Elbtals an seiner sensibelsten und breitesten Stelle komplett. Somit ergibt sich nun für jedermann die Gelegenheit, die Wirkung dieser Brücke selbst zu bewerten. Dieser Beitrag dokumentiert mit Fotos die Veränderungen der Anmutung der Landschaft.

Die RWTH Aachen hatte in Ihrem Gutachten zu den visuellen Auswirkungen der Waldschlösschenbrücke gewarnt:

1. Die Waldschlösschenbrücke reiht sich nicht in die Kette der Dresdner Stadtbrücken ein.

Sie ist in ihren Dimensionen und Maßstäben, in ihrer gestalterischen Anmutung und technischen Ausstattung ein „Sonderling“ in der Reihe der Dresdner Brücken innerhalb des Weltkulturerbe-Gebietes. Es sind aber insbesondere auch die Tunnelfortsetzung und die „planfrei“ organisierten Verkehrsanschlüsse an den Brückenköpfen mit ihrem technischen Equipment, die dem „Verkehrszugs Waldschlösschenbrücke“ den Schnellstraßencharakter geben. Es ist deshalb fast absehbar, dass die Waldschlösschenbrücke nicht die Qualitäten entfaltet, die mit Brücken verbunden sein können und die die Kultur der Dresdner Stadtbrücken ausmachen.

2. Die Waldschlösschenbrücke verstellt einige in der Geschichte wie im heutigen Stadtalltag wichtige Blickbeziehungen auf die Silhouette Dresdens wie auf das Elbtal.

Aufgrund der großen Entfernungen im Bereich des Elbbogens, aber auch begünstigt durch das diffuse Winterlicht und die geringe Fernsicht, tritt von einigen untersuchten Standpunkten die Waldschlösschenbrücke nicht blickstörend in Erscheinung. Es gibt aber einige wichtige Blickpunkte, die in der Geschichte gestalterisch „in Szene gesetzt“ wurden und zu den Besonderheiten dieser Kulturlandschaft gehören. Dazu gehören insbesondere die Stationen entlang der Talwege auf beiden Seiten des Elbbogens, die eine sequenzielle Wahrnehmung des Landschaftsraumes mit einem grandiosen Landschaftserlebnis heute zulassen, das künftig erheblich eingeschränkt würde.

Entscheidend für die zusammenfassende Stellungnahme ist jedoch aus Gutachtersicht eine weitere Feststellung:

3. Die Waldschlösschenbrücke zerschneidet den zusammenhängenden Landschaftsraum des Elbbogens an der empfindlichsten Stelle und teilt ihn irreversibel in zwei Hälften.

Der reale Blick und das unmittelbare Erlebnis sowie das Studium aktueller Luftbilder und historischer Kartenwerke machen die Besonderheit des Elbbogens mit den Elbwiesen zwischen Albertbrücke und Loschwitzer Brücke deutlich. Auch vergleichende Betrachtungen der innerstädtischen Flusslandschaften in anderen europäischen Großstädten belegen die Einzigartigkeit und den besonderen Wert dieser zusammenhängenden Kulturlandschaft. In Höhe des Waldschlösschens sind die breitesten örtlichen Aufweitungen der Elbwiesen und zugleich der Scheitelpunkt des Elbbogens, die Mitte zwischen der Altstadt und Loschwitz. Genau an dieser Stelle, am Scheitelpunkt des Bogens, entstünde durch die Waldschlösschenbrücke eine Zerschneidung dieser Wahrnehmung des Landschaftsbildes, eine Separierung in zwei annähernd gleich große Landschaftsräume, deren visuelle Addition nicht mehr möglich wäre. Das Weitegefühl wäre zerstört und langfristig verloren. Dies würde dieses besondere Landschaftserlebnis zunichte machen.

Auf der Basis dieses Gutachtens setzte die UNESCO Dresden 2006 auf die rote Liste gefährdeter Welterbestätten. Eine Mehrheit der Stadträte versuchte, das Welterbe zu retten. Doch das Regierungspräsidium erklärte die Stadtratsbeschlüsse für rechtswidrig.

Die Erbauer der Waldschlösschenbrücke beschwören noch immer, dass die Zielstellung des Realisierungswettbewerbs von 1997 von der Waldschlösschenbrücke auch tatsächlich erreicht wird. Es sollte eine Brücke gebaut werden, welche an dieser Stelle die herrliche Flusslandschaft so wenig wie möglich beeinträchtigt. Mit dieser Zielstellung war auch im Antrag der Stadt auf Aufnahme in die Weltkulturerbeliste für die Waldschlösschenbrücke geworben worden.

Allerdings machte Prof. Volkwin Marg (Vorsitzender der Jury des Realisierungswettbewerbs von 1997) in einem offenen Brief im Jahr 2007 darauf aufmerksam, dass das Ergebnis des Brückenworkshops von 1996 – „dessen Zusammenstellung und Abstimmungsverfahren freilich strittig geblieben ist“ – primär den Finanzierungsvorgaben des Wirtschaftministers Kajo Schommer folgte und damit von vorn herein auf eine Brücke am Waldschlösschen festgelegt war. Deshalb stand in der Auslobung des großen Realisierungswettbewerbs lediglich die Form des Brückenbaus zur Disposition, wobei sich Entwurfsverfasser und Preisgericht entscheiden sollten, „wie zwischen städtebaulicher Signifikanz, stadtlandschaftlicher Rücksichtnahme, konstruktiver Gestaltung, Funktionstüchtigkeit und Sparsamkeit beim Bau und Betrieb die Schwerpunkte zu setzen sind.“

Im Bewusstsein dieses Zielkonfliktes sah sich das … Preisgericht in Anbetracht von 27 Wettbewerbsentwürfen, von denen viele als besonders kreative und technisch innovative Lösungen im Sinne einer Brücke als ‚Ingenieurkunstwerk’ auffielen, zu einer Kompromiss-Entscheidung genötigt.

Die Frage, ob sich dieser Zielkonflikt durch eine völlige Untertunnelung der Elbaue anstelle einer Überbrückung gegenstandslos machen ließe, war weder den Wettbewerbsteilnehmern noch der Jury gestellt, und auch im Verfahren nicht zugelassen.

Schreibt Volkwin Marg.

Als 2007 die Perspektivenwerkstatt zu neuen Brückenentwürfen stattfand, um das Welterbe zu retten, gab Volkwin Marg die Ausschreibungsunterlagen zurück und schlug stattdessen einen Elbtunnel vor. Dieser Vorschlag fand unter den Dresdnern viele Anhänger, die fortan Unterschriften für einen Elbtunnel statt Waldschlösschenbrücke sammelten. Aber die Weiterleitung der vom Stadtrat ausgewählten Alternativentwürfe durch die Stadt an die UNESCO wurde vom Regierungspräsidium untersagt. Zugleich vergab das Regierungspräsidium Bauaufträge an Stelle der Stadt für die mittlerweile im Bau befindliche Brücke. Das Bürgerbegehren mit 50.000 Unterschriften für den Elbtunnel wurde mittels zweier Vetos des OB Lutz Vogel auf den Gerichtsweg abgeschoben und schließlich untersagt.

Die folgenden Bilder zeigen das Ergebnis dieser Bautätigkeit und stellen sie Fotos vom Elbtal ohne Waldschlösschenbrücke gegenüber. Ein Klick auf die Bilder öffnet jeweils ein größeres Foto. Alle Bilder finden Sie zusammengefasst in einer .pdf-Datei (2.635 kB).

In den Elbwiesen an der Stelle der Brückentrasse und auf dem Körnerweg in Höhe von Marcolinis Praxisklinik (Nordstraße)

Auf dem Körnerweg in Höhe Körnerdenkmal

Am Standort des Bogenfußes und auf dem Körnerweg Höhe Waldschlößchenpavillion

Elbwiesen auf der Neustädter und Altstädter Seite mit Blick zur Waldschlößchenbrauerei

Infostützpunkt und (Foto-) Aussicht des Waldschlößchenpavillions

Der Waldschlößchenblick ohne und mit Brücke

Das Welterbekomitee ließ sich von den Beteuerungen Dresdens und Sachsens nicht beeindrucken, dass diese Brücke nach ihrer Fertigstellung ein Schmuckstück in der Landschaft sei und dass die geringfügigen Änderungen von Frauenkirchenbaudirektor Eberhard Burger an der Brücke alles seien, was man zur Erhaltung des einmaligen Wertes des Elbtals tun könne. Es erkannte dem Dresdner Elbtal nach nur 5 Jahren den Welterbestatus im Sommer 2009 wieder ab.

Urteilen Sie selbst! Erfüllt dieses Brückenbauwerk tatsächlich den Anspruch des Realisierungswettbewerbs von 1997? Ist diese Brücke der passende Rahmen für das Landschaftsgemälde mit den Türmen der Stadt? Harmoniert sie mit den Elbwiesen und dem sich windenden Fluss? Waren die Änderungen von Eberhard Burger wirklich alles, was man tun konnte, um die Anmutung dieser herrlichen Landschaft zu erhalten, wenn man denn auf eine Elbquerung an dieser Stelle tatsächlich nicht verzichten will?

Wie auch immer – diese Brücke ist kein Sieg der Demokratie. Sie ist nicht einmal das Ergebnis der Entscheidung von Fachleuten. Wir verdanken sie der Basta-Politik von CDU und FDP. Und irgendwie sieht man ihr das auch an.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 11.09.2011 aktualisiert.
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8 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Vielen Dank für diesen Artikel! Diese Bilder sollten doch nun wirklich mal wirken. Über Geschmack läßt sich trefflich streiten, aber die einschneidende Wirkung des Bauwerks wird besonders am Elberadweg deutlich. Ich finde es zumindest nicht gerade schön, die Altstadtsilhouette nur noch durch eine Brückenstütze hindurch zu sehen. Und auch andersherum: Der Loschwitzer Hang ist verstellt.
    Es ist wirklich schade um die breite ausladende Wiese, die nun zugestellt ist und bald auch noch mit Dreck und Lärm versorgt wird. Danke an die überheblichen Brückenbauerautofahrerweitwegwohner!

    … schrieb J. Feld am Dienstag, dem 18.01.2011, um 12:04 Uhr.

  2. Liebe(r) J. Feld, liebe Frau Dr. Silvia Friedrich,
    Sie wollen die WSB nicht, das steht Ihnen frei. Mir steht es ebenso frei (ohne verunglimpft zu werden!), sie für sinnvoll zu halten. Deshalb empfehle ich Ihnen einen kurzen Besuch auf dem “Balkon Dresdens”, und wer nicht böswillig ist, wird feststellen, wie klein fast winzig das Brückenbauwerk in der Landschaft steht. – Auch das Blaue Wunder war einst Untergang des Abendlandes, und heute wird es als Schmuckstück gepriesen.
    Mit freundlichen Grüßen

    … schrieb Dipl.-Ing. Helmut Rudloff am Samstag, dem 10.09.2011, um 11:54 Uhr.

  3. Lieber Herr Rudloff,

    Andersdenkende zu verunglimpfen habe ich nicht vor – das gehöhrt eher zu den Verhaltensnsmustern der Pro-Waldschlösschenbrückenfraktion.

    Aber den Versuch mit dem “Balkon Dresdens” – ich nehme an, Sie meinen den Biergarten der Waldschlösschenbrauerei, hatte ich schon gemacht, bevor ich meine Bilder ins Netz stellte.

    Und ich komme immer wieder zu dem Ergebnis: wer glaubt, nicht ohne Elbquerung an dieser Stelle auskommen zu können, wäre mit dem Elbtunnelkompromiss besser bedient gewesen. Der Elbtunnel wäre nach seiner Fertigstellung komplett unsichtbar gewesen. Die zu erwartenden Probleme durch die große Menge zusätzlichen Verkehr in der nicht daruf vorbereiteten und eigentlich auch nicht dafür vorgesehenen Altstadt wären allerdings die gleichen gewesen, wenn man sich beim Tunnel nicht auf nur 2 völlig ausreichende Fahrspuren beschränkt hätte.

    Das Problem dieser Brücke ist nicht in erster Linie ihre Optik. Das Problem ist, dass sie nicht mit dem Elbtal an dieser Stelle harmoniert, indem sie kulturhistorisch wertvolle Blicke schändet und die Einzigartigkeit des Dresdner Elbtals zerstört, die Voraussetzung für den Welterbestatus waren.

    Da es eigentlich keine logisch nachvollziehbaren Gründe für diese Brücke gibt, wird sie wohl eher ein Denkmal der Kompromisslosigkeit und der Mißachtung gegenüber engagierten Bürgern von Dresden und internationalen Freunden Dresdens sein, die sich bis heute für den Erhalt des Erbes der Menscheit einsetzen.

    Nur noch nebenbei: Mit der Ihnen bekannten Frau Dr. Silvia Friedrich bin ich nicht identisch, wie Sie bin ich Diplom-Ingenieur.

    Mit freundlichen Grüßen
    Silvia Friedrich

    … schrieb Silvia Friedrich am Samstag, dem 10.09.2011, um 21:39 Uhr.

  4. Liebe Frau Friedrich,
    nein.
    der “Balkon Dresdens” ist der Luisenhof seit schon sehr langer Zeit. Um mich nicht der Schleichwerbung schuldig zu machen, hatte ich den ziemlich bekannten Ausdruck gewählt. Versuchen Sie es dort einmal, Sie werden geradezu die Brücke suchen müssen.
    Mit freundlichem Gruß
    Rudloff

    … schrieb Rudloff am Dienstag, dem 20.09.2011, um 11:45 Uhr.

  5. Allerliebster Herr Rudloff,

    bitte sehen Sie mir nach, wenn ich mich ungefragt in Ihre charmante Unterhaltung dränge:

    Selbstverständlich steht es Ihnen frei, die Brücke für sinnvoll zu halten und noch freier, das damit zu begründen, daß sie vom “Balkon Dresdens” aus kaum zu erkennen ist.

    Wer besonders gutwillig ist – so wie Sie – wird viele weitere Blickwinkel finden, von denen aus die Brücke noch winziger wirkt (Raumstation MIR/ISS?) oder gar nicht zu sehen ist (Canaletto-Blick – der echte natürlich!, Pillnitz, Bastei oder Google Earth). Das Landschaftserlebnis beschränkt sich, darauf darf ohne Verunglimpfung hingewiesen werden, nun mal nicht nur auf einen, nämlich Ihren, Standpunkt vom Luisenhof aus.

    Und dennoch, mein Herr, Ihr Hinweis auf das BW zeigt bei aller aufgesetzten Höflichkeit eins: Sie schieben Frau Friedrich und anderen eine – nun ja – gewissermaßen reflexartige Fortschrittsfeindlichkeit unter (denn das BW war ja auch ein Symbol der heraufziehenden Moderne), die sich bei der WSB nun beim besten Willen nicht ableiten lässt oder – im gutwilligen Fall – eine allzumenschliche Abneigung gegen Veränderungen, die einfach ein wenig Gewöhnungszeit erfordern.

    Ob das BW ein “Schmuckstück” im engeren oder weiteren Sinne ist, darüber lässt sich streiten; unbestritten aber hat es eine gewisse Eigenwilligkeit, die es zur Sehenswürdigkeit macht, ohne das deshalb über das Verhältnis des Baukörpers zur Landschaft schon etwas gesagt wäre. Oder über die Funktionalität der Verbindung zweier Stadtteile im Vergleich zur WSB.

    Dass sich über die WSB, die schon jetzt unmodern/veraltet wirkt, eine Art Patina legen könnte, darf getrost bezweifelt werden. Oder halten Sie diese “absorbierende” Gewöhnung dann auch bei den architektonischen Errungenschaften im Nachwende-Dresden (Altmarkt, Prager Straße) für wahrscheinlich?

    Drei Aspekte, die Sie miteinander verknüpfen und doch nichts miteinander zu tun haben. Und alle drei Aussagen, nämlich die WSB sei sinnvoll, sie füge sich in die Landschaft ein und die Brückengegner seien im Wesentlichen die gleiche Truppe wie zuzeiten des BW sind im Grunde kühne Behauptungen, die zu verbreiten Sie aber natürlich alle Freiheit haben. Nur sind sie weder neu, noch weiterführend.

    Mit freundlichem Gruß
    Joh. Hellmich

    … schrieb JH am Mittwoch, dem 21.09.2011, um 21:59 Uhr.

  6. Lieber Herr Rudloff,

    sicher weiß ich, dass normalerweise der Luisenhof als “Balkon Dresdens” bezeichnet wird, auch den habe ich schon genossen. Nur wäre ich nicht auf die absurde Idee gekommen, von dort aus die landschaftliche Wirkung der Waldschlösschenbrücke derart zu beurteilen, dass das Urteil zu deren landschafts-, natur-, und welterbeschädigender Wirkung in Frage gestellt wird. Deshalb nahm ich an, Sie meinten eigentlich den Biergarten der Waldschlösschenbrauerei.

    Ansonsten habe ich dem Kommentar von Joh. Hellmich nichts hinzuzufügen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Silvia Friedrich

    … schrieb Silvia Friedrich am Donnerstag, dem 22.09.2011, um 15:27 Uhr.

  7. @JH
    Anscheinend ist die hier vorgeführte Diskussion von Herrn Rudloff neuerdings Basis der Diskussion der WSB-Freunde. In der DNN vom letzten Wochenende schrieb jemand:
    “Von wegen Sichtbehinderung, man nimmt die Brücke vom Weißen Hirsch kaum wahr.”

    Vielleicht sollten wir das ja als Eingeständnis der WSB-Freunde werten, dass die WSB tatsächlich nur in sehr großen Entfernungen, wie z.B. frühestens ab Luisenhof, die Landschaft nicht mehr stört?

    Mit freundlichen Grüßen

    Silvia Friedrich

    … schrieb Silvia Friedrich am Sonntag, dem 25.09.2011, um 21:03 Uhr.

  8. Aber selbstverständlich ist durch die Brücke eine massive Sichtbehinderung entstanden! Wie kann man so etwas nur anzweifeln?

    … schrieb Frank am Montag, dem 26.09.2011, um 09:00 Uhr.