Alt, weiß und reaktionär

Samstag, 11. Dezember 2010

von Johannes Hellmich

Eine der beliebtesten Möglichkeiten, mit denen Schüler ihren erstaunten Eltern schlechte Zensuren erklären, ist der Hinweis auf das noch schlechtere Abschneiden des Banknachbarn. Das klappt fast immer. „Dresden lässt im Städtevergleich Leipzig weit hinter sich“, überschreibt auch die Sächsische Zeitung in ihrer Wochenendausgabe einen Beitrag zum Vergleich der 100 einwohnerstärksten Städte in Deutschland, der für Sachsen im Allgemeinen und Dresden im Besonderen wenig schmeichelhaft ausfällt.

Herausgeber dieses Städterankings sind die „Wirtschaftswoche“ und die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM). Beide stehen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, nicht im Verdacht, Erfolge des Aufbaus Ost madig zu machen. Auch wenn das hochpolitische Thema in den Wirtschaftsteil verschoben wurde, der Text will auch dort so gar nicht zu Peter Ufers Jubelbotschaften passen. Der inoffizielle Rathaussprecher darf gerade eine Serie über das Lieblingsthema seiner Zeitung, die prosperierende Kulturmetropole, eröffnen. Auf der Suche nach Protagonisten seiner heilen Zeitungswelt schreibt er Dresden kurzerhand zur Einwandererstadt um. Nach einer Schrecksekunde wird dem konservativen Leser aber schnell klar: Alles ganz harmlos. Zumindest was den Zuzug weißer Ostdeutscher betrifft, gibt die Statistik Ufer wohl Recht. Danach wären die Neudresdner vor allem jung, weiblich und erfolgreich. Eigentlich eine gute Nachricht. Dass viele “Einwanderer” durch Eingemeindungen der Vororte nicht einmal umziehen mussten, hat den geistig-kulturellen Wandel im Sinne der Landesregierung zweifellos beschleunigt, denn auch an der Peripherie ist man erfolgreich, weiß und Unionswähler. Das Dynamik-Ranking(*) 2010 teilt Ufers euphorische Stimmung allerdings nicht ganz. Dort landet Dresden auf Platz 83.

Ob der kleinkarierte Städtewettstreit mit Leipzig vor der insgesamt traurigen Bilanz nach zwanzig Aufbaujahren einen provinziellen Lokalpatriotismus beflügeln soll oder die Schmalspurdenke in Dresdner Redaktionsstuben widerspiegelt, bleibt letztlich ohne Bedeutung. Interessant ist die Bewertung selbst. Denn selbst im Niveauvergleich des City-Regio-Rankings belegt Dresden als Zentrum einer erträumten Metropolregion gerade mal Platz 18 von 20; immerhin noch vor Berlin-Brandenburg und Schlusslicht Leipzig. Die Fülle der Indikatoren bietet zwar auch Peter Ufer noch ausreichend Material für erfreuliche Relativierung; harte ökonomische Fakten sollte er möglichst nicht vergleichen: Bei der Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes zwischen 2004 und 2009 schafft es die Stadt der Superlative nur auf Platz 99.

Wer ist gemeint?

Geht es um den Stellenwert Dresdens auf einer Landkarte, an der sich in zwanzig Jahren nichts geändert hat? Eine Entwicklung, von welchem Niveau aus auch immer, zählt freilich mehr als alle Saturiertheit. Das unaufhörliche Beschwören eigener Erfolge und der lächerliche Vergleich mit dem Nachbarn aber sind nicht nur mediale Standortunterstützung, sondern offenbaren allzu lautes Überspielen ungelöster Konflikte.

Ufer zielt mit seinem Kommentar zur „Einwanderungsstadt“ auch auf das Selbstverständnis der Altdresdner. Das ist kein Zufall. Er muss in der demografischen Entwicklung den Ausweg für ausbleibende Erneuerung und Veränderung und ein vergiftetes Klima sehen; ein in der Sächsischen Zeitung regelmäßig wiederkehrendes Thema. Dass die Lokalpresse Teil des Problems ist, wird gern mit dem Hinweis vom Tisch gewischt, Kritik gäbe es von allen Seiten. Kann also die Auseindersetzung mit Neuankömmlingen, zum Beispiel aus Freital, die Stadt vorantreiben, wie Ufer behauptet? Sicher nicht. Eher drückt sich auch hier die unterschwellige Erwartung aus, dass ein aus den Wendetagen stammender, uneingelöster bürgerrechtlicher Anspruch eines schwer zu verortenden Spektrums mit den letzten Zeugen ausstirbt; dass die Störer des friedlichen Miteinanders Ruhe geben. Ganz können nicht einmal Peter Ufer die Verstimmungen seiner Leser verborgen geblieben sein: Die Sächsische Zeitung ist trotz ihrer regelmäßigen Erfolgsmeldungen immer wieder Adressat von Leserbriefen, aus denen tiefe Enttäuschung spricht.

Dass Biedenkopf und seine Union ein diffuses vordemokratisches Niemandsland in Sachsen, vor allem aber in Dresden, etablieren konnten, war möglich auch durch die Zuarbeit devoter Lokalblätter. Für Verkrustungen, Sprachlosigkeit und dumpf-reaktionäre Grundstimmung sind am wenigsten die Altdresdner verantwortlich. An Ideen oder gar Kreativität mangelt es ihnen kaum. Manch einer von ihnen hat auch ohne materielle Not dennoch längst resigniert das Weite gesucht. Die aktuelle Konnotation des Begriffes Integration trifft die Erwartung Ufers an Zugezogene deshalb wohl etwas genauer.

Verlautbarungsjournalismus und Obrigkeitshörigkeit schlossen auch in der DDR punktuelle und verschleierte Kritik durchaus ein. Wende und Transformationsprozess hat die Sächsische Zeitung selbst ohne eigenen Systemwechsel überstanden. Regierungshandeln zu kommunizieren, war weiter Teil der „Hauptaufgabe“. Der im Altbundesgebiet kaum vorstellbare Einfluss regionaler Printmedien auf die Meinungsbildung in den Neuen Ländern ist Erbe der DDR. Hier ist eine merkwürdige Bereitschaft der Bürger vorhanden, gedruckter Meinung ein besonderes Gewicht beizumessen. Zu dem erhofften Meinungspluralismus trug aber auch die Sächsische Zeitung nicht bei. Ohne Auswirkung auf fortgesetzte Regierungstreue und Staatsräson blieb selbst der Umstand, dass der Verlag anteilig den Sozialdemokraten gehört. Das Scheitern einer echten Demokratieentwicklung nach der Stunde Null und das Ausbleiben einer ernstzunehmenden Opposition sind deshalb auch Ergebnis veröffentlichter Meinungen und Kommentare. Wann immer es darauf ankam, war jedenfalls auf Peter Ufer und sein Team Verlass. Er forderte im letzten Kommunalwahlkampf klare Verhältnisse und unterstützte damit unverhohlen die Konservativen. Er pries uns eine sozialistische Krippenleiterin, die den Ruf Dresdens ungestört nachhaltig schädigen durfte. Bei der medialen „Niederschlagung“ und dem Totschweigen der Welterbebewegung, die zu einem Gutteil von Altdresdnern getragen wurde, stand sein Blatt an vorderster Front.

Es mag nicht die Aufgabe der Sächsischen Zeitung sein, über die demokratische Kultur in Dresden zu wachen oder gar einen kritischen Diskurs zu fördern. Das wäre Pflicht öffentlich-rechtlicher Vernunft im Freistaat gewesen. Aufgrund ihrer Verbreitung und ihres Gewichtes kommt der SZ dennoch gesellschaftliche Verantwortung zu. Der geht sie bis heute aus dem Weg. Nicht immer wird der Abstand zwischen Wunschdenken und Realität so augenfällig wie in dieser Wochenendausgabe.

(*) In den Niveauindex fließen 57 Indikatoren ein, beim Dynamikindex sind es 35. Sie gehören zu den vier Bereichen Wohlstand (z.B. Kaufkraft), Arbeitsmarkt, Struktur (z.B. Wirtschafts- und sozio-kulturelle Struktur) und Standort (z.B. Bildung, Freizeitwert).

Dieser Artikel wurde zuletzt am 10.01.2011 aktualisiert.
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