Irre versibel

Mittwoch, 10. November 2010

von Johannes Hellmich

Richter Brauns zeigt der Dresdner Öffentlichkeit überraschend eine Seite seiner offenbar vielschichtigen Persönlichkeit, mit der so vermutlich niemand gerechnet hatte: Er besitzt einen skurilen Humor, der in dieser freudlosen Zeit doppelt kostbar ist. Entsteht dieser Sinn für Ironie in der Tristesse sächsischer Gerichtssäle?

Das OVG Bautzen hatte eben erst die Fertigstellung der Brücke mit der augenzwinkernden Begründung durchgewinkt, auch Hochwasser beeinträchtige Flora und Fauna der Flüsse. Nun macht Richter Brauns, der sich als glühender Verfechter eines Bauwerks inmitten des Dresdner Elbtals einen Namen erworben hat (und dort, wo es scheinbar unaufhaltsam wächst, regelmäßig ein paar Rentner ermuntert durchzuhalten), ein paar Kilometer weiter bergauf den Don Quijote vom Hochland. Der furchtlose Kämpfer für speziell sächsisches Recht und Gesetz, zu dessen besiegten Drachen auch die Unesco gezählt werden muss, rennt gemeinsam mit seiner CDU-WPO gegen den geplanten Bau von Windkraftanlagen am Triebenberg an.

Die sind alles andere als Cervantes’sche Riesen, der Hintergrund entsprechend simpel: Regenerative Energie schön und gut, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür. Niemand muss also fürchten, dass die Weißiger CDU ins Lager der Umweltaktivisten wechselt. Brauns könnte das vorhersehbare Ausbremsen der Planungen getrost den politischen Selbstheilungskräften der Ortschaft oder dem bauernschlauen Wirken seines Statthalters Pansa überlassen. Aber das wäre dem Humoristen offenbar zu einfach. Er will aufrütteln. Wird es am Ende einen Bürgerentscheid geben? Und wie wird der wohl ausgehen? Nur sauertöpfigen Welterbefreunden dürfte der CDU-Aufruf zur Rettung des Hochlandes den Atem verschlagen, wenn sie in den Lokalblättern lesen dürfen:

Diese Bauwerke beeinträchtigen in erheblichem Maß unsere Landschaft. Wir sind ein attraktives Naherholungsgebiet mit zahlreichen Wanderwegen und herrlichen Blickbeziehungen. Das darf nicht kaputt gemacht werden.

Kreativ abgeschrieben offensichtlich aus dem Aachener Gutachten 2006. Auch beim Dagegen zeigt Brauns den dilettantischen Welterben, wie es richtig gemacht wird. Dabei bedient er sich fleißig in der Trickkiste ökostalinistischer Rhetorik. Die von der Grünen Liga bisher vergeblich bemühten Flora-Fauna-Habitatgebiete werden ebenso sarkastisch eingearbeitet wie hochsensible Elektronenmikroskope der TU. Stilsicher vermeidet Brauns die Fehler selbsternannter Gutmenschen wie das weinerliche Lamento über die angebliche Zerstörung einer einzigartigen Landschaft. Er erobert mit einem infantilen „nicht ‘putt machen“ die Herzen der Hochländer. So spricht unser lupenreiner Oberdemokrat elegant das Urvertrauen der Gemeinde an: Seit den Tagen des Sandkastens hat sich nichts wesentlich verändert. Und wir bestimmen die Regeln.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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