Herbstzeitlose

Mittwoch, 20. Oktober 2010

von Johannes Hellmich

Der armselige Kulturkampf, den wir seit Monaten von der Fernsehcouch aus erleben, ist mit etwas Verzögerung in der sächsischen Landeshauptstadt angekommen. Verteidigt wird hier das christliche Europa vom Wissenschaftsministerium. Für die Abwehrschlacht wählt die tapfere Ministerin überraschend das scharfe Schwert der Preisverleihung: Den vom Freistaat ausgelobten Lessing-Preis 2011 erhält die Staatskünstlerin und Islamkritikerin Monika Maron. Wird Frau Maron die mit 13.000 Euro dotierte Ehrung ruhigen Gewissens annehmen? Selbstverständlich.

Der Lessing-Preis ist ein DDR-Relikt. Er war der Versuch, innerhalb enger ideologischer Grenzen einer Diktatur doch jene Künstler zu würdigen, die den schmalen Grat zwischen Systemnähe und Gesellschaftskritik, staatlicher Vereinnahmung und künstlerischer Eigenständigkeit suchten und oft genug auch fanden. Der Freistaat hat die positiven Erfahrungen der Preisvergabe aufgenommen und fortgesetzt. Verbunden ist die Ehrung auch heute neben der Anerkennung für herausragendes künstlerisches Schaffen auf dem Gebiet der Literatur und des Theaters mit der ausdrücklichen Intention, dass der zu Ehrende im Geiste Lessings wirkt. Wir alle wissen, was jenseits formaler Dramaturgie-Vorstellungen mit diesem Geist gemeint ist, der seit Jahrhunderten in Lessings Ringparabel das zentrale europäische Selbstverständnis formuliert: kultureller Respekt, Humanismus, Toleranz und Aufklärung. G.E. Lessing überlässt im Nathan einem künftigen Richter das Urteil, wer den echten Ring trägt, welche der vielen Wahrheiten die ewige ist. Einziges Kriterium bleiben für Lessing tätige Nächstenliebe und Friedfertigkeit. Lessings Geist ist gleichwohl immer unbequem. Um gefühlte Mehrheitsstimmungen ging es ihm nicht.

Was zeichnet Frau Monika Maron neben ihren künstlerischen Leistungen aus? Ihre Gesellschaftskritik endete wie die so vieler mit dem Untergang der DDR. Obwohl seit nunmehr zwanzig Jahren alles wunderbar ist, bleibt sie seltsam verbittert. Die Preisträgerin ist dennoch kein Versehen. Wissenschafts- und Kunstministerin Schorlemer, die sich auch in der EKD engagiert, exekutiert eine politische Entscheidung. Sie trägt damit zu einer Neuinterpretation der Ringparabel bei, die Saladin aus einem interreligiösen Gespräch ausschließt.

Damit bleibt die parteilose Ministerin auf Linie. Eben erst hat Angela Merkel vor ihrer tosenden Jugendorganisation Multi-Kulti für tot erklärt. Unionsfreund Seehofer macht inzwischen offen den angestammten Kulturkreis zur Voraussetzung einer Einwanderung. Auch wenn islamisch geprägte Stadtviertel, arabische Leuchtreklamen, Minarette und türkische Jugendgangs in Sachsen eher die Ausnahme bilden dürften, trifft von Schorlemer gerade im Osten den Nerv der Zeit. Ihre Preisträgerin war eine der Ersten, die den Bundespräsidenten für seine Selbstverständlichkeiten in die Schranken wies. Bei Welt online leistete sie bereits dem Vorkämpfer für richtig verstandene Toleranz Thilo Sarrazin auf ihre Weise Beistand. Mit den Mühseligkeiten einer differenzierenden Sicht oder auch nur eines Verstehenwollens hält sie sich nicht auf – Frau Maron kommt gleich zur Sache:

“Mir ist egal, wer was glaubt, aber er soll das tun, ohne mir ständig die Diskussion über seine Religion und zunehmend sogar deren Gebote aufzuzwingen. Ich fürchte, wir unterschätzen, dass wir es nicht nur mit den Muslimen zu tun haben, die bei uns leben, sondern eben auch mit dem globalen Anspruch des Islam.”

War Lessing einfach nur naiv? Dass jede Religion und jedes Wertesystem auch Elemente eines Absolutheitsanspruches in sich trägt, gehörte jedenfalls schon damals zu den Allgemeinplätzen. Scharfsinnig markiert Maron gleich noch die Grenzen linksgrüner Harmoniesucht:

“Zu Deutschland gehören der Rechtsstaat, die Gleichstellung der Geschlechter, die Freiheit der Kunst, die Meinungs- und Religionsfreiheit, die Solidargemeinschaft, das Recht auf Bildung und gewaltfreie Erziehung. Aber nicht der Islam.”

Wer kann da noch widersprechen. Dennoch: Mögen sich Monika Maron und andere noch so dumpf für eine tabulose Diskussion einsetzen; ganz neu sind die Argumente nicht. Der Publizist Heinrich von Treitschke schrieb 1879 für die Preußischen Jahrbücher einen Aufsatz mit dem ambitionierten Titel „Unsere Aussichten“. Im letzten Teil seiner Betrachtungen widmete er sich den Gefahren im Innern des jungen Reiches. Sein Text wurde Ausgangspunkt für eine hochemotionale öffentliche Debatte. Thema war, wenn man so will, die Verbindlichkeit der deutschen Leitkultur. Es ging freilich nicht um drohende Islamisierung oder die Unvereinbarkeit des Islam mit europäischen Werten, sondern damals noch um die Integration jüdischer Bürger in Deutschland. Ihnen wurde die Ausbeutung des deutschen Volkes und soziales Schmarotzertum vorgeworfen. Zu den gängigen Überzeugungen gehörte das Klischee, Juden scheuten körperliche Arbeit. Wilhelm Marr, ein eher linker Journalist, hatte eben einen Bestseller herausgegeben: „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ fand reißenden Absatz. Auf der Gegenseite war es unter anderem der Historiker Theodor Mommsen, der Treitschke im „Berliner Antisemitismusstreit“ Verrat am Erbe Lessings vorwarf. Klartexter Treitschke ließ sich davon nicht beeindrucken:

“Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrwürdig sind; denn wir wollen nicht, dass auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur folge. Es wäre sündlich zu vergessen, dass sehr viele Juden, getaufte und ungetaufte, [...] deutsche Männer waren im besten Sinne [...] Es bleibt aber ebenso unleugbar, dass zahlreiche und mächtige Kreise unseres Judentums den guten Willen, schlechtweg Deutsche zu werden, durchaus nicht hegen. Peinlich genug, über diese Dinge zu reden; selbst das versöhnliche Wort wird hier leicht missverstanden. Ich glaube jedoch, mancher meiner jüdischen Freunde wird mir mit tiefem Bedauern Recht geben, wenn ich behaupte, dass in neuester Zeit ein gefährlicher Geist der Überhebung in jüdischen Kreisen erwacht ist, dass die Einwirkung des Judentums auf unser nationales Leben, [...], sich neuerdings schändlich zeigt.

Überblickt man alle diese Verhältnisse – [...] – so erscheint die laute Agitation des Augenblicks doch nur als eine brutale und gehässige, aber natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat. Sie hat zum Mindesten das unfreiwillige Verdienst, den Bann einer stillen Unwahrheit von uns genommen zu haben; es ist schon ein Gewinn, dass ein Übel, das Jeder fühlte und Niemand berühren wollte, jetzt offen besprochen wird.
[...]
Von einer Zurücknahme oder auch nur einer Schmälerung der vollzogenen Emanzipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein; sie wäre ein offenbares Unrecht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staates und würde den nationalen Gegensatz, der uns peinigt, eher verschärfen als mildern. Was die Juden in Frankreich und England zu einem unschädlichen und vielfach wohltätigen Elemente der bürgerlichen Gesellschaft gemacht hat, das ist im Grunde doch die Energie des Nationalstolzes und die festgewurzelte nationale Sitte dieser beiden alten Kulturvölker. Unsere Gesittung ist jung; uns fehlt noch in unserem ganzen Sein der nationale Stil, der instinktive Stolz, die durchgebildete Eigenart, darum waren wir so lange wehrlos gegen fremdes Wesen. Jedoch wir sind im Begriff uns jene Güter zu erwerben und wir können nur wünschen, das unsere Juden die Wandlung, die sich im deutschen Leben als eine notwendige Folge der Entstehung des deutschen Staates vollzieht, rechtzeitig erkennen. Da und dort bestehen bestehen jüdische Vereine [...], die im Stillen viel Gutes wirken; sie sind das Werk einsichtiger Israeliten, welche einsahen, dass ihre Stammesgenossen sich den Sitten und Gedanken ihrer christlichen Mitbürger annähern müssen. Nach dieser Richtung ist noch viel zu tun. [...] Die Aufgabe kann niemals ganz gelöst werden. Eine Kluft zwischen abendländischem und semitischem Wesen hat von jeher bestanden, seit Tacitus einst über das odium generis humani klagte; es wird immer Juden geben, die nichts sind als deutsch redende Orientalen; auch eine spezifisch jüdische Bildung wird immer blühen, sie hat als kosmopolitische Macht ihr gutes historisches Recht. Aber der Gegensatz lässt sich mildern, wenn die Juden, die so viel von Toleranz reden, wirklich tolerant werden und einige Pietät zeigen gegen den Glauben, die Sitten und Gefühle des deutschen Volks, das alte Unbill längst gesühnt und ihnen die Rechte des Menschen und des Bürgers geschenkt hat.

[...] Ein erfreulicher Anblick ist es nicht, dies Toben und Zanken, dies Kochen und Aufbrodeln unfertiger Gedanken im neuen Deutschland. Aber wir sind nun einmal das leidenschaftlichste aller Völker, obgleich wir uns selbst so oft Phlegmatiker schalten; anders als unter krampfhaften Zuckungen haben sich neue Ideen bei uns noch nie durchgesetzt. Gebe Gott, dass wir aus der Gärung und dem Unmut dieser ruhelosen Jahre eine strengere Auffassung vom Staate und seinen Pflichten, ein gekräftigtes Nationalgefühl davontragen.”

Das war 1879. In Mommsen fand Heinrich von Treitschke vorerst seinen Meister. Ganz verstummt sind die Vorwürfe an integrationsunwillige Juden allerdings nicht einmal 1945. Der Einfluss eines jüdischen Medienkartells ist noch heute ein Dauerthema in rechtslastigen Blogs. Aber auch in der sogenannten Mitte wird couragiert aufgeklärt und nach Freiheit gerufen. Auch dort ist man natürlich tolerant und lehnt den Islam aus den edelsten Motiven ab. Nicht wenige aber suchen beim Kampf gegen den neuen Feind die Nähe das alten. Der grassierende Philosemitismus in der Rechten verschafft zusätzliche moralische Legitimation. Aus den Opfern von gestern sollen heute Komplizen werden. Dafür beschwört man dann schon mal gemeinsame christlich-jüdische Wurzeln.

Sachsen verkehrt mit der Ehrung für Frau Maron den Toleranzgedanken Lessings in sein Gegenteil. Der Preis wird alle zwei Jahre verliehen. Wir dürfen gespannt sein auf den nächsten Preisträger.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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