Die Mär vom fließenden Verkehr

Dienstag, 26. Oktober 2010

Die Waldschlößchenbrücke kennt viele Verlierer und nur wenige Gewinner

Entgegen aller warnenden Stimmen von umweltorientierten Verkehrsplanern, Verkehrsökologen, Verkehrsökonomen und Brückenbauingenieuren ist die Autolobby dabei, unter der Federführung von CDU, FDP und ADAC ihr Prestigeobjekt mit aller Macht und allen Mitteln durchzusetzen. Die überdimensionierte Waldschlößchenbrücke wird weder die innerstädtischen Brücken entlasten noch die Verkehrsprobleme innerhalb des 26er Rings lösen. Und auch für den Dresdner Nordosten, Osten und Südosten bringt die Brücke keinen wirklichen Gewinn, wie sich das viele Leserbriefschreiber erhoffen. Die Auswirkungen dieser Gigantomanie hingegen bekommen wir alle zu spüren: die Elbauen und Elbwiesen im Brückenbereich, die Anwohner in den angrenzenden Wohngebieten auf Neustädter und Altstädter Seite, die Radfahrer und Fußgänger sowie die Autofahrer.

Wer ein solches Brückenbauwerk plant, ohne die Konsequenzen für die Menschen, die Umwelt, den öffentlichen Nahverkehr und den Individualverkehr mit zu bedenken, handelt grob fahrlässig. Aber genau das ist der Fall, denn das Straßen- und Tiefbauamt plant lediglich den weiteren Ausbau der Fetscherstraße bis zur Fiedlerstraße. Alle anderen großmundig versprochenen Straßenbaumaßnahmen, die der Ertüchtigung des Straßennetzes in den betroffenen Gebieten dienen sollten, wurden auf Eis gelegt. Auf Neustädter (Bautzner Straße zwischen Rothenburger Straße und Bautzner Ei) und Altstädter Seite (große Teile der Fetscherstraße, Borsbergstraße, Schandauer Straße, Augsburger Straße). In der „Sächsischen Zeitung“ vom 21.10.2010 lesen wir auch, warum (S. 15): „Ende 2011 soll die umstrittene Brücke fertig sein. Die Bezahlung des Projekts dauert aber noch bis mindestens 2013. Weitere 50 Millionen Euro sind dafür noch vorgesehen, 40 Millionen davon in den nächsten beiden Jahren. 121,5 Millionen Euro wurden bereits ausgegeben. Damit ist die Brücke mit ihrer Tunnelzufahrt auf der Neustädter Seite und dem Anschluss auf der Altstädter Seite das teuerste Vorhaben der Stadt. Knapp die Hälfte des Gesamtbudgets bindet das Bauwerk.“ Damit ist die WSB zudem eine der teuersten Flussquerungen deutschlandweit. Diese Finanzmittel fehlen natürlich an anderer Stelle. Das ist umso unverständlicher, wenn man weiß, dass das Gerichtsverfahren zur Rechtmäßigkeit des Planfeststellungsbeschlusses von 2004 noch nicht abgeschlossen ist.

Der von der Brücke ab- und auf sie zufahrende Verkehr wird sich also auch weiterhin über holprige Haupt- und Nebenstraßen quälen müssen. Zunehmende Umweltverschmutzung (Auspuffgase, Reifenabrieb), Erschütterungen und Lärmbelastung eingeschlossen.

Eine ökologische Katastrophe stellt auch die Versiegelung der Elbwiesen im Brückenbereich dar. Was nutzt es Radfahrern und Fußgängern, wenn sie an dieser Stelle die Elbe überqueren können, der Erholungswert der Wiesen unter den Eingriffen in ihr Ökosystem aber leidet und die Landschaft am Waldschlößchen nicht mehr in ihrer über Jahrhunderte von Jahren gewachsenen Schönheit erlebbar ist? Was nutzt es, wenn in Sonntagsreden die „Bewahrung der Schöpfung“ gefordert und im Alltag deren Zerstörung in Kauf genommen wird?

In der japanischen Stadt Nagoya fand unlängst die 10. Artenschutzkonferenz der UNO mit Delegierten aus 193 Ländern statt. Thema war die Bewahrung der biologischen Vielfalt. Als hätte es diese Konferenz nicht gegeben, schreibt ein SZ-Leser am 18.10.2010 in Reaktion auf ein Interview, das die massive Schädigung der Umwelt durch die WSB zum Inhalt hatte, folgenden Brandbrief (S. 21): „Der Berater der Grünen Liga hält die SZ-Leser wohl für geistig unterprivilegiert. Was sind das denn für Antworten. Fische werden bedroht? Fische schwimmen ja nicht weg, wenn es unruhig wird, sie schauen beim Bauen zu. Dann spricht er von Wassereintrübung. Auch etwas ganz Neues für Fische. Der Gipfel ist der Hinweis auf Libellen und Schnecken. Wo waren die denn, als von Bad Schandau bis weit nach Dresden 2002 das Hochwasser restlos alles überschwemmt hat. Da hat er wohl die bedrohten Tierarten in den Urlaub geschickt …“

Offenbar kennt die (noch unvollendete) Waldschlößchenbrücke doch Gewinner. Die Frage nach den wahren Profiteuren dieses umstrittenen Bauwerks und den geistigen Brandstiftern solcher Haltungen drängt sich am Ende dieser Anmerkungen zwangsläufig auf.

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Dieser Artikel wurde zuletzt am 22.10.2012 aktualisiert.
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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Welch ein Wunder! Mit einem Tunnel würde alles besser!

    … schrieb Frank am Donnerstag, dem 28.10.2010, um 19:12 Uhr.

  2. Ich wollte ja hier keine Kommentare mehr hinterlassen und möchte genau deshalb klarstellen: Das war ein anderer Frank!

    … schrieb Frank am Donnerstag, dem 28.10.2010, um 22:21 Uhr.

  3. … und möchte genau deshalb klarstellen: Das war ein anderer Frank!

    Dann war das wohl mal wieder Konstantin Neven DuMont?

    Aber sei’s drum; mit dem Tunnel wird nicht alles besser, denn der Tunnel war und ist ein Kompromissangebot. Immerhin wird durch ihn die Schönheit des Elbtals nicht zerstört. Aber das scheint weder den einen noch den anderen Frank zu interessieren. Der Unterschied zwischen beiden dürfte ohnehin vernachlässigbar sein.

    … schrieb WilhelmFriedemann am Freitag, dem 29.10.2010, um 10:52 Uhr.