Kult, kultiger, Kulturpalast

Dienstag, 28. September 2010

von Dresdens Erben e.V.

Am 3. Juli 2008 faßte der damalige Dresdner Stadtrat den Beschluß zum Umbau des Kulturpalastes. Zunächst konnte man wirklich euphorisch sein, welch gelungene Verknüpfung diese Variante bringen sollte: Die Philharmonie sollte endlich ihren lang ersehnten Konzertsaal erhalten, die Zentalbibliothek und die Herkuleskeule mit einziehen. Die Synergieeffekte wurden gelobt, aber sind sie nicht nur herbeigeredet?

Der Dresdner Kulturpalast muss in seiner funktionalen Ordnung und seiner inneren und äußeren Gestalt erhalten bleiben – Fakten und Argumente

Denkmalwert und Urheberrecht

  • Der von Wolfgang Hänsch nach einem Entwurf von Leopold Wiel erbaute Dresdner Kulturpalast stellt ein herausragendes Denkmal der Nachkriegsmoderne dar. In Auseinandersetzung mit der Ära stalinistischer Stilarchitektur ist seine Gestalt geradezu programmatisch aus dem wohldurchdachten Raumgefüge im Inneren, dem Zueinander von Saal und den Nebenfunktionen, entwickelt worden.
  • Herzstück des Gebäudes ist der in der Tradition der Volkshäuser stehende Mehrzwecksaal, der sich außen in der polygonalen Überdeckung des flachen Baukörpers abzeichnet. Die Ursprungsidee geht auf das überaus geglückte „Gesellenstück“ des damals noch ganz jungen Architekten Klaus Wever aus Hannover zurück, der in der Folge zum Spezialisten für solcherlei Saalbauten in Deutschland Ost und West avancierte.
  • Angesichts der Bedeutung des Mehrzwecksaales für den kompletten Raumorganismus kommt seine Beseitigung einer Zerstörung des Ursprungsbaues gleich. Unter den Rechtsexperten besteht keinerlei Zweifel daran, dass damit in besonders ausgeprägtem Maße der juristische Tatbestand der „Entstellung“ gegeben ist, vor dem das Urheberrecht Schutz gewährt. Vgl. Die Geringschätzung des Architekten

Ein fragwürdiges Nutzungskonzept

  • Der mit über 2400 Plätzen ausgestattete Mehrzwecksaal des Dresdner Kulturpalast wird von den Veranstaltern als ein deutschlandweit einzigartiger Aufführungsort geschätzt. Er lässt vielseitige Nutzungen insbesondere im Bereich der Unterhaltungssparte zu. Der hohe Auslastungsgrad zeugt davon. Vgl Kulturpalastumbau aus Veranstaltersicht
  • Mit dem Ersatz des Mehrzwecksaales durch einen allein auf die Belange der Philharmonie zugeschnittenen Konzertsaal wird eine inzwischen mehr als 40jährige Erfolgsgeschichte beendet. Das Orchester spielt an 55 Abenden und muss den Saal darüber hinaus – weil im aktuellen Raumprogramm dafür kein anderer Ort ausgewiesen werden kann – zu Proben nutzen. Die Unterhaltungsbranche wird damit erheblich beschnitten. Nicht nur verbleiben ihr weniger Veranstaltungstage. Sie muss sich auch irgendwie mit dem für die konzertante Musik entwickelten Raumgefüge arrangieren, d. h. im Klartext: die bühnenorientierten Veranstaltungen können nur etwa 1000 Saalplätze nutzen. Skizze von Bernd Aust Kulturmanagement GmbH
  • Ohnedies bringt die Unterhaltungsbranche mehr als doppelt so viele Besucher in den Kulturpalast als die Philharmonie, obwohl jene den Saal mehr als die Hälfte der Zeit belegt. Vgl. Präsentation des Hochbauamtes vom Nov. 2009
  • Verharmlosend wird von einem Saalwechsel innerhalb eines „Baufensters“ gesprochen. Neue Wortschöpfungen sind verdächtig. Tatsächlich verbirgt sich dahinter die Tatsache, dass eine auf den Mehrzwecksaal zugeschnittene Raumdisposition durch eine zunächst verblüffende Funktionsmischung ersetzt wird, die sich bei näherem Hinschauen als offenkundige Notlösung erweist. Mit der geplanten Kombination „Konzertsaal“ und „Bibliothek“ wird die Raumkubatur hoffungslos überfrachtet. Gänzlich unterschiedliche kulturelle Kernfunktionen werden in ihren räumlichen Entfaltungsmöglichkeiten eingeengt, die Synergieeffekte herbeigeredet.

Wege zu einer verbesserten Saalakustik

  • Das Umbauprojekt dient letztlich dem einen Ziel, für die Philharmonie einen hochwertigen Konzertsaal zu schaffen. Das ist zweifellos ein legitimes Anliegen des Spitzenorchesters. Dabei sind es weniger die Zuhörer als die Musiker, die die unzureichenden akustischen Verhältnisse beklagen, weil sie ihr Zusammenspiel erschweren. Wir haben es mit einer klar definierten Aufgabenstellung zu tun, die – wie verschiedene Studien beweisen – mit einer akustische Aufrüstung des vorhandenen Saales zu lösen ist.
  • Bei der Entscheidung durch den Stadtrat im Juli 2008 hat diese im Zentrum stehende Aufgabe keine Rolle gespielt. Der Beschluss zum Umbau ist nicht auf der Grundlage der Abwägung der Möglichkeiten, die Akustik zu verbessern, getroffen worden. Eine entsprechende Machbarkeitsstudie aus dem Jahre 2005 , die die verschiedenen im Laufe der Jahre angestellten Untersuchungen zur akustischen Aufrüstung des Saales bündelte, fand keine Berücksichtigung.
  • Der Vorzug einer akustischen Verbesserung des vorhandenen Saales besteht darin, dass die realen Raumverhältnisse zugrunde gelegt werden und die vorgeschlagenen Maßnahmen quasi aus einem 1 : 1-Modell abgeleitet werden können. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass der vorgeschlagene Saal in „Weinberg“-Form, per se eine gute Akustik garantiert. Der Beifall, der ihm gespendet wird, gilt dem optischen Eindruck, den man durch die ausgeweitete perspektivische Darstellung gewinnt. Seine tatsächliche Leistungsfähigkeit in Fragen der Akustik wird sich – das wissen alle Fachleute – erst in der praktischen Umsetzung erweisen. Ein hoher Preis soll für ein solches Experiment gezahlt werden.

Die Gesamtkosten für den Umbau des Kulturpalastes sind bislang nicht durchkalkuliert – sie drohen ins Uferlose anzuwachsen.

  • Der Stadtratsbeschluss im Juli 2008 zum Umbau des Kulturpalastes ist ohne Machbarkeitsstudie gefasst worden. Inzwischen gilt als sicher, dass die geschätzten 80 Mio € (Präsentation der LH Dresden, Hochbauamt, November 2009) für den Umbau nicht reichen werden. Eine besondere Unwägbarkeit birgt die Tatsache, dass in die Konstruktion des Gebäudes eingegriffen wird. Abgesehen von den damit zwangsweise verbundenen Veränderungen am Denkmal, muss – in Kenntnis ähnlicher Fälle – bei derart radikalen Umbaumaßnahmen mit nicht voraussehbaren Aufwendungen gerechnet werden, die jegliche Kalkulation zur Makulatur werden lassen.
  • Ein solches finanzielles Risiko einzugehen, ist geradezu sträflich, wenn man bedenkt, welche Gelder der Stadt im Sozialbereich – etwa für die Sanierung von Schulen und Kindergärten – fehlen.
  • Schließlich muss man fragen: Was macht das Projekt förderfähig? Die ins Auge gefassten Städtebaufördermittel werden gerade radikal gestrichen. Abgesehen davon widerspricht der vorgesehene Radikalumbau den Richtlinien des Städtebauförderungsgesetzes. Es wird hier nicht ein städtebaulicher Missstand nach § 136 (2) BauGB beseitigt, sondern mit der Zerstörung der Gestalt des denkmalgeschützten Gebäudes und seiner zentralen städtischen Funktion ein solcher geschaffen.

Die vernünftige Alternative zum radikalen Umbau des Kulturpalastes ist dessen Sanierung und akustische Ertüchtigung

  • Laut Machbarkeitsstudie von AWB-Architekten 2005 werden Sanierung und akustische Ertüchtigung des Kulturpalastes mit etwa 40 Mio € möglich. Bei sofortiger Überarbeitung der Planung könnte 2012 mit der Sanierung begonnen werden.
  • Die Betriebsgenehmigung für den Kulturpalast müsste nicht verlängert werden.
  • Schon 2014 könnte das Bauvorhaben mit akustischer Ertüchtigung des Saales (für die Belange der Dresdner Philharmonie) abgeschlossen sein. Die Bürger könnten „Dresdens Stadthalle“ in altbewährter Tradition nutzen.
  • Ein bedeutsames Denkmal der Nachkriegsmoderne bliebe erhalten, das Urheberrecht der Erbauer respektiert.
  • Nicht zuletzt bliebe damit die Option auf ein eigenständiges Konzerthaus mit dazugehörenden Kammermusiksaal in Dresden gewahrt.

Dr. Hänsch strebt nun eine Urheberrechtsklage an. Lesen Sie dazu unseren Aufruf.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 30.12.2010 aktualisiert.
Sie können den Artikel als .pdf-Datei speichern ...
Gern können Sie auch diesen Artikel weiterempfehlen ...

Kommentare abonnieren

2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ja, der Verein “Dresdnes Erben e.V.” hat völlig recht. Der Kulturpalast muss in Gänze erhalten bleiben. Der Saal ist das Herzstück des Kulturpalastes und gehört unter Denkmalschutz.

    Er hat 41 Jahre der Stadt als Spielstätte vor allem für die leichte Muse gedient. Neben Meisterfeiern und vielen anderen Veranstaltungen ist er auch Heimstätte der Philharmonie. Sie braucht akustisch eine Verbesserung, aber nicht um jeden Preis.

    Wenn man den Stadtratsbeschluss von 2008 zum Umbau des Kulturpalastes liest, dann wundert man sich, dass alle Untersuchungen, die vor einem solchen Beschluss hätten stattfinden müssen, erst mit dem Beschluss in Auftrag gegeben wurden. So lagen die entscheidenden Antworten dem Stadtrat zur Beschlussfassung gar nicht vor, und keiner hat es gemerkt.

    Na, ja, die Stadt hatte nach dem Woba-Verkauf 2006 zu viel Geld, da wurden alle übermütig….

    2005 hatte sie nicht einmal 40 Millionen €, die in einer Machbarkeitsstudie als Gesamtkosten für Sanierung und akustische Ertüchtigung veranschlagt wurden.

    Heute hat die Stadt wieder zu wenig Geld für Schulen, Kitas, Straßen. Da sollte sie sich das Abenteuer “Umbau Kulturpalast” noch einmal gründlich überlegen. Schon wird gemunkelt, die Berechnungen des Büros von Gerkan sollen bei 150 Millionen € liegen. Sollte sich das bewahrheiten, so wäre das ungeheuerlich.

    Die Stadt sollte lieber freie Flächen, die städtebaulich nützlich sind, bebauen, anstatt in einem Umbau einer beliebten Spielstätte, die noch dazu ein bedeutendes Denkmal darstellt, so viel Geld zu vernichten.

    Stuttgart 21 kann auch in Dresden stattfinden.

    Doch, liebe Dresdner, werdet früher wach, nicht erst, wenn die Abrissbirne anfängt.

    Ich unterstütze den Aufruf und hoffe, dass die Urheberrechtsklage von Wolfgang Hänsch die Sache aufhält, bis die Stadtoberen zur Besinnung gekommen sind.
    Wenn nicht, dann sollten die Dresdner wieder die Montags-Demos einführen.

    … schrieb A.Schmidt am Mittwoch, dem 06.10.2010, um 22:40 Uhr.

  2. Macht die Website fit für Twitter und Facebook!

    … schrieb FdGrosse am Dienstag, dem 12.10.2010, um 12:14 Uhr.