Demokratie zurechtgebogen

Samstag, 27. Juni 2009

von Prof. Hartmut Haenchen

Haben die Befürworter der unverhältnismäßig teuren, technisch rückständigen und ästhetisch katastrophalen Brücke, die Befürworter der Aberkennung des Welterbetitels, nicht immer von Demokratie geredet, die den Bau dieser Brücke zwingend notwendig macht? Haben nicht die gleichen Personen dieser Landesregierung und des Regierungspräsidiums und Teile des Stadtrates die demokratischen Mehrheiten dazu gezwungen, undemokratisch zu handeln? Immer unter Zustimmung der CDU? Dies obwohl die Mehrheit des Stadtrats zweimal die Zulässigkeit eines weiteren demokratischen Volksentscheides zur Elb-Querungsfrage befürwortet hat und einen Baustopp erwirken wollte.

Demokratie so zurechtgebogen, wie es die Mächtigen wünschen. Das kommt mir doch sehr bekannt vor.

Auch die Beschimpfung von anders Denkenden, wie es Arnold Vaatz (stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Bundestag) mit seinem Artikel über die Dresdner „Totalitäre Elite“ mit seinen Diffamierungen getan hat – der das Wort Demokratie immer im Munde führt – hat sich an die Spitze der undemokratischen Kräfte gestellt.

Ist nicht ständig mit falschen Zahlen und falschen technischen Argumenten zum Tunnelbau gehandelt worden? Inzwischen sind alle Argumente eindeutig widerlegt. Von den behaupteten 60 Mio., die er mehr kosten sollte, sind es inzwischen nur 29 bis 35 Mio. Gleichzeitig hat Dresden die Arroganz, viele Millionen aus dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung einfach zu verschenken. Wie kann man argumentieren, es gäbe kein Geld, wenn man gleichzeitig Millionen verschenkt?

Geht es denn wirklich nur um einen beliebigen Titel? Jede einzelne Welterbestätte ist ein Erbe der ganzen Menschheit und nicht nur eine Angelegenheit des Staates oder der Stadt, in dem es zufällig liegt. Nur in Dresden ist diese internationale Erkenntnis nicht angekommen. Sollte das „Tal der Ahnungslosen“ so langfristige Auswirkungen haben?

Gegen alle anders lautenden Behauptungen der Brückenbefürworter ist es tatsächlich so, dass der „Titel“ für alle Orte, die ihn erhalten haben und pflegen große Vorteile in jeder Hinsicht, auch über Umwegfinanzierungen, gebracht hat. Sind denn alle Länder, Städte und Orte der Welt so viel schlechter informiert als einige regierende Dresdner, die zu wissen glauben, was gut ist? Warum beantragen in einer einmaligen Aktion gerade zu dieser Stunde die Niederlande, Dänemark und Deutschland die Anerkennung des Wattenmeeres in die Liste der UNESCO? Alles Menschen ohne Einsichten? Nein, so wie die Dresdner, die in freiwilliger Arbeit Jahre zugebracht haben, um diesen Titel mit allen daraus hervorgehenden Rechten und Pflichten für uns zu Erstreiten – denen hier auch einmal Dank zu sagen ist – sind es diejenigen, die weitsichtig und verantwortungsvoll für die nächsten Generationen gehandelt haben.

Eine Reise nach Sevilla unserer Oberbürgermeisterin könnte sicher, wenn sie mit offenen Augen durch eine der 13 spanischen Welterbestädte gehen würde, sehr lehrreich sein. Sie hat aber die Gelegenheit vorbeigehen lassen und nicht gesehen, welche großen Vorteile für diese Städte in dem Titel liegen. Eine einminütige Rede konnte das Problem nicht klären und war die Reise nicht wert.

Aber der „Titel“ ist nur eine Seite. Für mich ist die Hauptsorge die Zerstörung der Einmaligkeit der Dresdner Stadt-Landschaft und Frau Minister Stange hat sicher nicht Unrecht, wenn sie von einem „Dammbruch“ spricht, der durch die Aberkennung des Titels in Bewegung kommt.

Nicht nur der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen, Martin Roth, hat festgestellt, dass es in Dresden in diesem Jahr einen Besucherrückgang von etwa zehn Prozent gegeben hat. Die Bürgermeisterin hat daraufhin gleich das ganze Touristikamt zerschlagen. Dresden hat sich in den letzten Jahren als Eulenspiegelstadt einen Namen gemacht und bezieht seinen Wert aus Kuriositäten (besser gesagt tragischen Entscheidungen): Die sowohl architektonisch und städtebauliche wie auch praktisch misslungene Neugestaltung des Postplatzes ist zur internationalen Lachnummer verkommen, das Kongresszentrum ist ein unzureichender, typisch Dresdner Kompromiss, die versuchte Abschaffung der Musikfestspiele ein Schlag gegen die Musikstadt Dresden. Unsere Stadtväter haben die falsche Frage für den Brücken-Volksentscheid gestellt, was uns nicht nur eine überteuerte Brücke beschert sondern Folgekosten, die sonst 6 andere Brücken der Stadt zusammen kosten und die bei der Kultur fehlen werden. Wir haben auch das Loch am Wiener Platz, welches mit Millionen zugestopft wird, weil niemand zur richtigen Zeit die richtige Entscheidung getroffen hat, wir haben mit dem neuen Baumgesetz den ohnehin schon weit fortgeschrittenen Kahlschlag der Natur beschließen lassen. Wir müssen zusehen, wie in Zukunft Schnellboote die Elbufer und Ruderer gefährden werden, weil einige Politiker die Zeichen der Zeit nicht sehen, dass Dresdens Stadtlandschaft immer mehr seine Anziehung aus der Entschleunigung ziehen könnte, die immer mehr gefragt sein wird. All dem folgte und folgt logischerweise ein drastischer Rückgang der Touristen, dem eine weitere Fehlentscheidung gegenübersteht: Der vollständig unverhältnismäßiger Neubau von Hotels.

Insgesamt ist in all diesen Projekten Geld einfach weggeworfen worden. Niemand soll behaupten, es gäbe keines.

Dies ist aber das Argument, um den Neubau eines Konzerthauses zu verhindern, der den Erhalt des Kulturpalastes in seiner denkmalgeschützten Form möglich machen würde. Dresden kann zurzeit weder wirklich einen Kammermusik- noch einen Konzertsaal für Sinfonieorchester anbieten. Wenn ich das im Ausland erzähle, glaubt mir das keiner.

Kultur erwirtschaftet mehr Volksvermögen als die Autoindustrie. Aber die Autoindustrie wird in der Krise gefördert, die Kultur weiter abgebaut.

Fußball hat weit weniger Besucher in Deutschland als Konzerte und Theater. Der Neubau des Dresdner Stadions, der fast ein Drittel eines Konzertsaales kostet, ist deshalb mit der Vorrangstellung, dem man diesem Projekt gegeben hat, schwer nachzuvollziehen. Dazu kommt vor allem aber, dass dieses Stadion keine Spitzen-Mannschaft hat. Für den Konzertsaal aber haben wir zwei Weltklasse-Mannschaften, die nicht irgendwie der 2. Liga erfolglos hinterherlaufen. Sie spielen auf den vordersten Rängen der Welt.

Warum sage ich das hier?

Was Dresden gegenüber anderen Städten heraushebt, ist die kulturelle Ausstrahlung. Kultur ist einer der wichtigsten Standortfaktoren. Unsere Stadt hat wegen des außerordentlichen Niveaus der Künste einen Namen in der Welt. Wer an Dresden denkt, denkt zuerst an die edle Symbiose von Landschaft und Stadt, erhöht durch Kunst, Kultur und Wissenschaft. Über Jahrhunderte wurde diese Einzigartigkeit gepflegt. Millionen Menschen besuchten deshalb unsere Stadt. Viele Arbeitsplätze vor allem in der Tourismuswirtschaft sind davon abhängig. Dresden lebt also auch von seinem positiven Image als Kulturstadt. Auch deswegen siedelten sich Investoren in Dresden an.

Unverantwortliche Regierende und einige die Bequemlichkeit vorziehende Bürger sind dabei, dies alles zu zerstören. Die ersten gravierenden Folgen sind schon zu fühlen.

Wir tragen vor aller Welt Verantwortung, um dieses Erbe zu schützen und in wahrer Demokratie den Volkswillen durchzusetzen.

Dieses Manuskript von Prof. Hartmut Haenchen wurde anlässlich der 33. Konferenz des UNESCO-Welterbekomitees in Sevilla am 25.06.2009 auf dem Dresdner Neumarkt von Klaus Gaber verlesen. Prof. Haenchen ist Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, Träger des Bundesverdienstkreuzes, Ehrenbürger Amsterdams, Ehrenbürger der Niederlande und Ritter im Orden des Niederländischen Löwen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf elbtunnel-dresden.de veröffentlicht.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 21.10.2012 aktualisiert.
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