Das Hotel Stadt Rom und der Umgang mit der Nachkriegsarchitektur

Sonntag, 29. Juli 2012

Die Bebauung der Schnittstelle zwischen Neumarkt und Wilsdruffer Straße an der Stelle, wo einst das Hotel Stadt Rom stand, führte bisher zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Stadt und verschiedenen Akteuren wie z. Bsp. der Gesellschaft Historischer Neumarkt. Aus der scheinbaren Unlösbarkeit des Konfliktes heraus beauftragte der Stadtrat die Oberbürgermeisterin mit der Durchführung eines Werkstattverfahrens, dessen Ergebnis nun vorliegt. Die Architekturhistorikerin Dr. Heidrun Laudel legt dar, warum das Hotel Stadt Rom so wichtig für den Neumarkt ist, warum die Moritzstraße heute keinen Bestand mehr haben kann und welche Rolle die Nachkriegsbebauung bei der Betrachtung des Gebietes spielen sollte.

Das Hotel Stadt Rom zählt zu den bedeutendsten Bauten des historischen Neumarktes. Das 1739–1740 unter Leitung des Hofmaurermeisters Andreas Adam aus drei schmalen Bürgerhäusern erbaute palaisartige Gebäude mit den prachtvollen kurvierten Eckerkern und der Figurenbalustrade, das sich Anfang der 1830er in das Hotel „ Zur Stadt Rom“ verwandelte, gilt als der bedeutendste Bürgerhausbau des Spätbarock.1 Das allein begründet allerdings noch nicht seine Rekonstruktion. Entscheidend ist, dass das Gebäude als markanter Kopfbau das Platzbild des Neumarktes an dessen Südseite abrundet. Dass dennoch ein Streit um dieses von Anfang an als „Leitbau“ ausgewiesene Gebäude geführt wird, liegt an der heute gegebenen städtebaulichen Situation. Die angrenzende Wohnbebauung, die dort in den Jahren 1959–62 mit Anschluss-Stellen für später auszubildende Quartiere errichtet worden war, verhindert einen kompletten Wiederaufbau des Gebäudes am alten Standort.

Die Problematik des Hotels Stadt Rom fordert nunmehr ohne Aufschub zu einer generellen Entscheidung heraus, die längst hätte gefällt werden müssen. Es gilt, die Nahtstelle zwischen zwei Siedlungsstrukturen zu bestimmen, die nördlich der Wilsdruffer Straße aufeinander treffen.

Das sind

    − der rekonstruierte Neumarkt mit seinem mittelalterlichen Raumgefüge und den im Wesentlichen
    im Barockzeitalter ausgeformten Platzwänden einerseits und
    − die durch Großstadtentwicklung, Kriegszerstörung und Wiederaufbau geprägte Wilsdruffer
    Straße mit der südlich angrenzenden Bebauung andererseits.

LEHRE AUS DEM RÜDEN UMGANG MIT DEM KULTURPALAST: WEITERBAUEN AN EINER STADT, DIE SICH NICHT AUF IHR BAROCKES ZEITALTER REDUZIEREN LÄSST

Die Gestaltungssatzung von 1995 kann für die jetzt zu lösenden Fragen nicht mehr als Grundlage dienen. Sie ist von jener kategorischen Haltung der Nachwende-Zeit getragen, die die Nachkriegsentwicklung in Gänze in Frage stellte. Die Leitidee der Rekonstruktion des alten Stadtgrundrisses – das zeigt nicht nur das Beispiel Dresden – trägt nicht, wenn sie nicht wirklich kritisch im Sinne des Weiterbauens an einem über die Jahrhunderte entstandenen Stadtorganismus verstanden wird, der auch durch Brüche gezeichnet ist. Der 1995 ins Auge gefasste Abriss der Wohngebäude auf der Nordseite der Wilsdruffer Straße und die Wiederaufnahme der alten Baufluchtlinie vor der Zerstörung 1945 verlangt eine konkrete Neubewertung.

Inzwischen sind mehr als 15 Jahre ins Land gegangen. Inzwischen hat es die Auseinandersetzungen um den Kulturpalast gegeben. Sie haben offenbart, dass eine ausschließliche Orientierung auf die Parzellenstruktur der Vorkriegszeit nicht weniger ignorant ist, als es jene radikalen Planungskonzepte aus der Zeit nach 1945 es waren, denen man mit der strikten Aufnahme des historischen Grundrisses begegnen wollte. Es ist für die heutige Debatte durchaus von Belang, wie sich die Sichtweise auf den Kulturpalast im Laufe der Jahre geändert hat.

Rahmenplan zur Gestaltungssatzung für den Neumarkt 1995

Der zur Gestaltungssatzung von 1995 gehörige Rahmenplan sah vor, mit einer Umbauung des Kulturpalastes die alten Quartierstrukturen zur Anschauung zu bringen. Man gedachte, den als dreiseitig freigestelltes Solitärgebäude konzipierten Kulturpalast schamvoll hinter einer Baukulisse zu verstecken, als deren prägendes Element der einstige Eingang in die Schösserstraße hervortreten sollte. weiterlesen

Dieser Artikel wurde zuletzt am 29.07.2012 aktualisiert.
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10 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Herzlichen Dank für diese Ausarbeitung.
    Den Ausführungen von Fr. Dr. Laudel kann ich in weiten Teilen nur zustimmen. Besonders im Umgang mit dem Kulturpalast. Auch wenn ich früher anderer Meinung war, empfinde ich die Erhaltung des KP als Solitär in der neu entstehenden Umgebungsbebauung als richtigen Weg.
    Hinsichtlich der Rekonstruktion des Hotel Stadt Rom und der Anbindung der Neumarktquartiere an die Nordbebauung der Wilsdruffer Str. bin ich allerdings anderer Meinung. Frau Laudel erklärt ja sehr schön die Bedeutung der beiden Bauten im Aufbaukonzept der Nachkriegsjahre und auch die Wichtigkeit des HSR für den Neumarkt. Wie sie sich allerdings den Übergang zwischen diesen beiden Räumen vorstellt, bleibt sie uns schuldig.
    Mit einer Ostverschiebung des HSR und ohne Wiederaufnahme der Moritzstrasse ist eine befriedigende Verbindung dieser beiden Raumkonzepte nicht zu erreichen. Es verlangt ja niemand, die beiden – zugegebenermassen vergleichsweise qualitätvollen – Nachkriegsbauten zu beseitigen. Aber ohne Durchbruch durch den östlichen Bau und Anbindung der dabei verbleibenden Bauteile an die vom Neumarkt kommenden Baulinien, wird dieser Bereich der innersten Stadt auf ewig ein Hinterhof und eine in sich zerissene Sackgasse bleiben. Zu einem befriedigenden Kompromiss gehört nun mal, dass beide Seiten aufeinander zugehen. Wenn sich eine harmonische Verbindung der Nachkriegsbauten mit der Neubebauung über eine wieder eröffnete Moritzstrasse – wie von der GHND vorgeschlagen – herstellen lässt, ist es einerseits zwar notwendig, an einem der beiden Nachkriegsbauten Veränderungen durchzuführen. Andererseits wird durch eine solch schlüssige Verbindung der Nordbebauung der Wilsdruffer Str. aber auch nie wieder das Existenzrecht abgesprochen werden können. Beide Seiten würden nur gewinnen. Und viele Wunden wären geheilt. Ohne Brüche und ohne zerissene Stadtstruktur.

    … schrieb Dominikus Hausmann am Montag, dem 30.07.2012, um 15:13 Uhr.

  2. Die Fehler der Nachkriegsarchitektur, die viele gewachsene Strukturen der Stadt einfach zerstörte, sind noch heute zu spüren.
    Das gilt besonders für die Gebäude-Riegel an der Wilsdruffer Straße. Deren Brachialität, eingeschlossen der Kulturpalast-Klotz, wirken noch immer wie Wunden im Innenstadtbereich.
    Da an der Wilsdruffer Straße viele Menschen wohnen, sollte man die Riegel nur dort abreißen, wo neue Gebäude einen deutlichen Fortschritt darstellen.

    Das Hotel Rom sollte aber in jedem Fall an der Originalstelle wiederentsehen. Dafür sollte man einen kleinen Teil der Riegelbebauung an der Wilsdruffer Straße abbauen. Der Rest der Riegelbebauung kann erhalten bleiben. Das wäre ein guter Kompromiss.

    Von dem vorgeschlagenen Mini-Durchbruch halte ich nichts.

    An jene, die nun sagen, man dürfe doch die DDR-Architektur abreißen, ist zu entgegnen: Die DDR hat alles niedergewalzt und keinerlei Kompromisse gemacht. Genau deshalb haben wir die heutigen Probleme. Es wird Zeit, mit Kompromissen zu beginnen. Und Kompromisse eingehen heißt, dass alle Seiten ein wenig Opfer bringen.

    … schrieb Klaus Peters am Montag, dem 30.07.2012, um 16:36 Uhr.

  3. Es ist nicht die Qualität der Bauwerke an der Wilsdruffer Straße, die Anlass zur Kritik gibt, sondern das Haltlose und Zerfließende dieser Straßenanlage in der Mitte des historischen Zentrums.
    Weil dieser Straße die Fassung an den Abschlüssen und eine angemessene Länge im Verhältnis zur Breite fehlt, verliert sie im Vergleich zu den zeitgleichen Produktionen in Berlin und Rostock.
    Man glaubte im Rausch der Wende offensichtlich durch den Abriss und die Umwandlung von Straße in Bauland eine Wertschöpfung in Gang zu setzen, die unter dem Druck der Investoren die Angelegenheit schnell von alleine regelt. Dass dabei Investorenarchitektur, wie die Einfassung der Altmarktgalerie (unter Opferung eines Originals) entsteht, nahm man zunächst in Kauf. Daran gemessen sind die verbliebenen Bauten der Wilsdrufferstraße Schmuckstücke. Erst die die Mediokrität der Nachwendearchitektur ist es, die den Verfechtern der Rekonstruktion im Nachhinein Recht gibt.
    Natürlich könnte man jetzt den Anschluss zusammenbasteln, aber warum?
    Es ist in zweiundzwanzig Jahren nicht gelungen, den Straßenanschluss an dieser Stelle zu bewältigen. Es gibt auch heute keinen Grund, die Sache über das Knie zu brechen. Wenn Ihnen nichts besseres einfällt, lassen Sie doch die Dinge nebeneinander stehen und eine spätere Generation das Urteil darüber sprechen.

    … schrieb Jan Lewerenz am Dienstag, dem 31.07.2012, um 16:21 Uhr.

  4. Mir scheint es eine sehr gute Idee die Nachkriegsarchitektur im Zentrum Dresdens beiseite zu räumen. Der Schnuffeltucheffekt ist bei diesen architektonisch uninspirierenden Bauten vollkommen unangebracht. Ein Grund, warum man hier in der Vergangenheit gezögert hat, ist die relative Geschlossenheit dieser Fassaden an der Wilsdruffer Straße im Kontrast zur einstigen Brache, was dem Bürger natürlich behagte.

    Heute ist nunmehr klar, dass im Zentrum alles bebaut wird und diese Bauten nur planerisch der neuen Zeit im Wege stehen. Zu dem neuen Dresden, dem neourbanen Dresden der Nachwendezeit, sind die Bauten nicht anschlussfähig. Die Zukunft Dresdens ist kleinteilig und hochwertig. Die Bauten haben sich überlebt.

    Der Kulturpalast als Überbleibsel eines kleinkotzigen Repräsentationsstils hat keinen besonderen Wert. Zur gleichen Zeit im Westen errichtete Stadthallen und dergleichen sind schon dreimal außen und innen umgebaut worden und rückgebaut. Es ist eben rein funktionale Architektur, wie ein Parkhaus. Der Kulturpalast hat sich auch als Freizeitkonzept überlebt.

    Der ganze Mief der Ulbricht-Ära haftet an dem Hänsch-Bau. Angesichts der ungeheilten architekturvernichtenden Leistungen Walter Ulbrichts können die Überbleibsel seiner Zeit wohl kaum Schonung erfahren. Denkmalschutz dieser Gebäude scheint ein Skandal, geradezu eine Verhöhnung der Opfer von Stalinismus und sozialistischer Gewaltherrschaft. Schwer nachvollziehbar, warum wir den Staatsarchitekten der SED-Diktatur heute noch Tribut zollen sollten.

    … schrieb Andre am Montag, dem 06.08.2012, um 09:21 Uhr.

  5. @ Andre

    “… der neuen Zeit im Wege stehen.”

    War das Satire? Sicher. Denn schwer vorstellbar, dass Sie einen Mehrwert erkennen können, wenn die Diktatur der Mittelmäßigen die letzten Reste der SED-Diktatur wegräumt und Platz macht – wofür?

    An Errungenschaften wie der Altmarktgalerie, den Altmarktbauten, Prager Straße, Zwingerforum usw. usf. kann nicht einmal Mief haften, das ist Leere mit aufgeklebten Sandsteinplatten. Das kann sich auch nicht überleben, weil es von Anfang an mausetot war. Das ist nicht kleinteilig und hochwertig, das ist kleinkariert-nervtötender Trash.

    Genau dieser Mix aus Überheblichkeit, Abrechnung und gestalterischer Impotenz, der auch bei Ihnen anklingt, hat dieser Stadt den Rest gegeben. Nicht Ihre Schuld, natürlich. Die Neue Zeit, von der Sie schwärmen, ist so neu auch nicht, sondern der wie vielte Aufguss. Günstigstenfalls ist es nur Rekonstruktion und Simulation – wie das Hotel Stadt Rom.

    BTW: Für die richtige Geschichtsschreibung ist in Sachsen das CDU-nahe Hannah-Arendt-Institut zuständig. Denkmalschutz fällt qualitative Urteile, keine politischen.

    … schrieb Roderic am Montag, dem 06.08.2012, um 22:04 Uhr.

  6. Nein, nein. Da es sich um politisch-ideologische Bauten handelt, muss man das schon beachten! Die von Ihnen angesprochenen Bauwerke am Altmarkt sind kommerzielle funktionelle Bauten im Stil unserer Zeit, Kaufhausarchitektur. Das muss man nicht mögen, das hängt aber auch nicht so hoch. Ich meine natürlich Wilsdruffer zum Neumarkt hin. Wenn man hier Kulturpalast, und die Häuser an der Wilsdruffer Straße als Nachkriegsreparatur abreisst, wird eine kleinteilige hochwertige Quartierbebauung folgen, die sich am historischen Zustand orientiert und mit der Nachwendebebauung in bester Harmonie steht. Ganz pragmatisch gesprochen, sind es die raumzerschneidenden Stalinistenriegel Wert auf den Leitbau Hotel Stadt Rom und Palais de Saxe zu verzichten? Ich denke nicht. Es reicht schon, dass der stalinistische Zuckerbäckerstil am Altmarkt Bestand haben wird.

    … schrieb Andre am Dienstag, dem 07.08.2012, um 01:23 Uhr.

  7. Das politische System von Walter Ulbricht fand im historischen Zentrum von Dresden eine Ruinenstadt vor, deren Vorkriegsgeschichte und Vorkriegskultur in keinem nennenswerten Zusammenhang zur proletarischen Bewegung stand. Damit bestand auch kein Interesse am Wiederaufbau. Erst mit der Ausrufung der 16 Grundsätze des Städtebaus durch Stalin im Jahr 1950 erkannte man im sog. „nationalen Baustil“ ein Instrument der Massenagitation. Dabei darf die „nationale Bauform“ keineswegs als Rekonstruktion historischer Geschmacksvorstellungen missverstanden werden: Vielmehr sollte ein Gegenbild zum „Internationalen Stil“ des Bauhauses gefunden werden, den man als Ausformung des US Kapitalismus brandmarkte. Nach Stalins Tod wurden die 16 Grundsätze aufgegeben und aus Gründen des sparsamen Umgangs mit dem „Volkseigentum“ die bis zuletzt gebrauchten Formen eines Funktionalismus angewendet, der sich zu keinem Zeitpunkt aus dem Diktat der Bauwirtschaft lösen konnte. Die Entstehung von Kunstwerken ist dadurch trotzdem nicht ausgeschlossen.

    Als Ergebnis der bekannten Dauerkrise des Systems konnten – im Unterschied zu Berlin- in Dresden die genannten Konzepte nicht zum Abschluss gebracht werden. Wenn nun der Denkmalschutz über die gerechtfertigte Konservierung von Zeugnissen hinaus als Hebel genutzt wird, um die Fragmente der Aufmarschbauten nach den Intentionen Walter Ulbrichts zur Aufmarschstraße zu ergänzen, dann ist Kritik an diesen Schutzzielen allerdings gerechtfertigt. Der Denkmalschutz ist auf diese Kritik sehr wohl eingegangen, indem für die Verwirklichung eines höheren Ziels Bauwerke zum Abriss freigegeben sind. In dieser Form sieht der Bebauungsplan der Stadt folgerichtig die Wiederherstellung der Quartiere an der Wilsdruffer Straße vor.

    Das höhere Ziel ist jedoch nur gegeben, wenn der historische Grundriss auch in wissenschaftlicher Genauigkeit als exakte Raumbildung seine Umsetzung findet. Jegliche Verschiebungen von Baukörpern aus praktischen Erwägungen setzen diesen Prozess außer Kraft. Wie bei einer Musikaufführung mit historischen Instrumenten kann hierbei Kunst nur durch Exaktheit und Werktreue entstehen.

    … schrieb Jan Lewerenz am Dienstag, dem 07.08.2012, um 14:53 Uhr.

  8. Während für Sie, Herr Lewerenz, weiter oben die Qualität der innerstädtischen Nachkriegsarchitektur noch keinen Anlass zur Kritik gab, spielen Sie nun gleichfalls die ideologische Karte. Warum? Und vor allem: Wie weit wollen Sie gehen?

    Immerhin haben bei Ihnen jetzt “Aufmarschbauten” an einer “Aufmarschstraße” den nach streng wissenschaftlichen Vorgaben zu rekonstruierenden Quartieren notfalls doch Platz zu machen. Ihre Geduld, die oben noch nachfolgenden Generationen eine Bewertung der Raumsituation anheimstellte, scheint nun offenbar erschöpft. Kritik tut not, wenn der Denkmalschutz sich sozusagen im Auftrag Walter Ulbrichts dem grassierenden Rekonstruktionswahn oder doch nur Investitionsdruck und lokalpolitischem Brainstorming widersetzt.

    Zur Erinnerung: Weder haben die Quartiermeister der Baywobau, wenn es ernst wird, sonderlich viel Interesse an historischer Vorgabe gezeigt, noch waren die Häuser entlang der König-Johann-Straße in ihrer Gesamtheit aus einem stilistischen Guss. Warum ausgerechnet räumliche Verschiebungen über den ohnehin fraglichen Wert detailgetreuer Reproduktion entscheiden, erschließt sich mir nicht.

    Dass die “Stalinistenriegel”, die ja immerhin doch zum Beispiel den Wiederaufbau des Landhauses am Pirnaischen Platz neben sich duldeten, von vielen Dresdnern durchaus als eine Verbindung von Tradition und Moderne rezipiert wurden und sich damit letztlich auch die Frage nach dem demokratischen Verständnis Ihrer inzwischen offensiveren Abrissvorstellungen stellt, war möglicherweise ein weiterer Grund Ihrer eher zurückhaltenden Bewertung im ersten Statement.

    … schrieb Roderic am Dienstag, dem 07.08.2012, um 22:55 Uhr.

  9. An dieser Stelle soll noch einmal daran erinnert werden, dass zwei Positionen aneinander geraten, für die es – nur auf diese Stelle bezogen – keine Möglichkeit zum Kompromiss gibt, nur ein entweder / oder:
    Das ist die zeitgeschichtliche Bewertung durch die Denkmalmalpflege seit Dehio auf der einen Seite und die wissenschaftliche Untermauerung der Rekonstruktion, wie diese kürzlich in der Ausstellung von Winfried Nerdinger in München vorgestellt wurde. Beides ist an dieser besonderen Stelle nicht gleichzeitig zu bekommen.
    Während die Argumente der Denkmalmalpflege mittlerweile glücklicherweise einen breiten gesellschaftlichen Konsens gefunden haben, bleibt die Abgrenzung einer wissenschaftlich betriebenen Rekonstruktion gegenüber einem malerischen Historismus teilweise undeutlich. Dresden scheint hier ein Experimentierfeld abzubilden.
    Eine wissenschaftliche Rekonstruktion ist sicherlich dann gegeben, wenn Audi oder Mercedes einen Rennwagen unter der Verwendung von wenigen überlieferten Originalteilen nach Originalplänen und Sichtung von allen verfügbaren erhaltenen Fahrzeugen fahr- und belastungsfähig bis zur letzten Schraube wiederherstellt. Das Publikum kann diese Fahrzeuge bei Veranstaltungen erleben. Man lädt Zeitzeugen, wie den Rennfahrer Paul Pietsch oder Manfred von Brauchitsch zu Probefahrten ein, um die Präzision dieser Vorgehensweise nachzuweisen.
    Wissenschaftlich ist dieses Verfahren deshalb, weil jede Entscheidung zur Form- und Materialfindung einem Beweisverfahren unterworfen sein soll. Die Komplexität erfordert dennoch einen künstlerisch begabten Menschen als Bearbeiter, jedoch einen Künstler, der jederzeit bereit ist, seine Intuitionen und Ergänzungen einer kritischen Überprüfung zu stellen.
    Die Frauenkirche ist ein Beispiel dafür, dass dieses Verfahren möglich ist, die Tiefgaragenabfahrt in der Gasse am Johanneum steht dagegen für das Gegenteil. Für das Hotel Rom ergibt sich daraus eine Hürde, die erst noch zu nehmen ist.

    … schrieb Jan Lewerenz am Donnerstag, dem 09.08.2012, um 09:17 Uhr.

  10. Warum diese Schärfe im Diskurs? Wenn Auseinandersetzungen nur das Ziel haben, seine Meinung zur absoluten Wahrheit zu erheben und den Gesprächspartner zu diffamieren, sollte man sie gar nicht erst beginnen.

    Mir persönlich behagt die Konzentrierung der Diskussion über das Bauen in Dresden auf den Neumarkt, den Kulturpalast, die Wilsdruffer Straße und den Altmarkt ohnehin nicht. Ich hielte es für ertragreicher, die städtebauliche Entwicklung Dresdens als Ganzes im Blick zu behalten und die Ursache für die Zerstörung Dresdens in den Bombennächten im Februar 1945 nicht zu vergessen.

    Eine kritische Bestandsaufnahme des Bauens in Dresden vor 1989 ist durchaus geboten. Das heißt aber auch, das nach 1989 gebaute genauso kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ich denke da insbesondere an die sogenannte Investorenarchitektur, die uns so “glanzvolle” Bauten wie die Altmarktgalerie, die Bürozeile hinter dem Cholerabrunnen, den Betonwürfel auf dem Areal der ehemaligen Zwinger-Gaststätte, das Zwinger-Forum,die Löbtau-Passagen,das Büro- und Geschäftshaus auf der Bautzner Straße u. a. bescherten und bescheren.

    Das für Dresden typische Aneinandervorbeireden und die verbreitete Besserwisserei haben eine ihrer Ursachen vielleicht auch darin, dass die Meinung der Dresdnerinnen und Dresdner erst dann gefragt ist, wenn die Entscheidungen hinter verschlossenen Türen längst gefallen sind. Leider tragen auch die Medien bis auf wenige Ausnahmen nicht gerade zur unparteilichen Information ihrer Leser bei.

    Daher wünsche ich mir, dass alle an derEntwicklung ihrer Stadt interessierten Bürgerinnen und Bürger vom Stadtrat, von den zuständigen Bürgermeistern und von der Stadtverwaltung eine rechtzeitige und an der Sache orientierten Informationspolitik einklagen.

    … schrieb Jürgen Karthaus am Samstag, dem 11.08.2012, um 13:44 Uhr.