Pfand im Verkaufsflächenstreit: Das Hochhaus am Albertplatz

Dienstag, 12. Juni 2012

von Peter Bäumler

Teufel und Beelzebub

Erneut hängt der Erhalt des dominanten Baudenkmals am Albertplatz am Faden der politischen Entscheidung im Stadtrat der Stadt, mit welchen zusätzlichen Einzelhandelsflächen dieser die Dresdner Neustadt belasten will: Die Rettung des Hochhauses ist verbunden mit Entscheidungen für zwei Einzelhandelsprojekte, deren Dimensionen (d.h. Verkaufsflächen- und Verkehrsmehrung) äußerst stadt- und handelsstrukturschädlich wären – im Fall des Globus-Projekts bar jeder stadtplanerischer Vernunft.

Wohl auf Druck der konservativ-liberalen Mehrheit hatte Oberbürgermeisterin Helma Orosz dem Dresdner Stadtrat für die Sitzung am 24. Mai 2012 eine Quasi-Zwickmühle zwischen „Teufel und Beelzebub“ arrangiert. Zu entscheiden war in gleicher Sitzung (!) über

  • TOP 23, einen Aufstellungsbeschluss (Vorstufe der Entscheidungskette Bebauungsplan-Baugenehmigung) für einen SB-Großmarkt am Alten Leipziger Bahnhof der Globus-Warenhauskette mit ca. 12.000 Quadratmetern Einzelhandelsfläche und 1.000 Parkplätzen, sowie über
  • TOP 24, einen Vorhabenbezogenen Bebauungsplan für das Einkaufszentrum und Hochhaus am Albertplatz mit ca. 7.000 Quadratmetern Handelsfläche und 440 Parkplätzen in einer Tiefgarage. Gesichert wäre bei diesem Projekt der Gruppe Edeka/DresdenBau-Projektierungsgesellschaft GmbH die Sanierung des „Albert-Tower“. Sie integrierter Teil des Vorhabens – wogegen Globus davon spricht, für die Sanierung des Albert-Turmes zu sorgen; nicht mehr als ein vages Versprechen.

Beide Einkaufscenter, Edeka und Globus, lägen im Stadtteil Neustadt einen Kilometer weit voneinander entfernt. Mit den beantragten Handelsflächen, insbesondere für Globus, widersprechen sie allen Zielen des bestehenden Stadtentwicklungs-Konzeptes (SEK) wie dem Zentren-Konzept für die Stadtteile, die eine wohnortnahe, kleinteilige Versorgung festlegen. Von der Stadt selbst beauftragte Gutachter sprechen sachlich gegen den Globus-Markt. Die Ortsbeiräte Neustadt und Pieschen sind einheitlich gegen dieses Großvorhaben positioniert, die vom Verdrängungswettbewerb bedrohte Händlerschaft protestiert, Handelsverbände, Fachgremien, Architektenschaft widersprechen … Hinzu kommt der Konflikt zum beschlossenen ökologischen Projekt „Hafencity“ nahebei – wie auch die Freihaltung des Alten Leipziger Bahnhofs (Denkmalobjekt auf historischem Eisenbahnareal) für eine kulturelle Nutzung in späterer Zukunft, etwa als Verkehrsmuseum Dresden.

Zur Zwickmühle geriet es aber nicht: zwei Tage vor der Ratssitzung am 24. Mai 2012 verschwand das Vorhaben Edeka/DresdenBau vom Programm. Das Großprojekt Globus stand alleine zur Entscheidung an. Lediglich die späte Stunde vereitelte eine Wahlentscheidung an jenem 24. Mai, da Stadtratssitzungen um 22 Uhr beendet sein sollen. Beobachtern zufolge hätte eine sehr knappe Mehrheit mit ihrem Ja den Aufstellungsbeschluss zum Globus-Projekt durchgedrückt. Nun steht die Ratsentscheidung wohl erneut am 21. Juni 2012 an (bis zum 11. Juni gab es noch kein Sitzungsprogramm).

Nach tagesaktueller Auskunft von Regine Töberich (9. Juni) verhandelt DresdenBau gemeinsam mit dem Investor Edeka mit der Stadt weiter zur Nachplanung des Projekts mit einer Verkleinerung der Handelsflächen bis an Grenzen, die eine wirtschaftlich tragbare Finanzierung zulassen. Ob es zu einer Vorlage (Vorhabenbezogener BB Nr. 655) schon für die nächste Ratssitzung kommt, wisse man nicht.

Das kleinere Übel

Schon 2010 schien erneuter Glanz und Einzug von Leben ins einzigartige Baudenkmal des ersten Stahlbeton-Hochhausbaues Dresdens in Bälde bevorzustehen. Das Projekt der DresdenBau und Projektierung GmbH von Architektin Regine Töberich sah den Ausbau des Hochhauses für die Stadtteilbibliothek Neustadt, ein Restaurant mit Biergarten, weitere öffentliche Nutzung und eine „Skylounge“ im 11. Geschoss vor. Dazu aber auf der gesamten Brachfläche entlang der Albertstraße einen Supermarkt mit Einkaufszentrum von etwa 7.000 Quadratmetern Ladenfläche. Damit erst sei das gesamte Projekt finanzierbar, hieß es von DresdenBau.

Der „Albert-Tower“ (Visualisierung: DresdenBau Projektierungsgesellschaft)

Mit kleiner gestrickten Plänen bewarb sich dann in 2011 die Edeka-Gruppe um die Sanierung des ehemaligen DVB-Hochhauses, wobei in den Plänen ein mindestens 2.500 Quadratmeter großer Edeka-Markt im Erdgeschoss vorgesehen war. Inzwischen, nach Einigung zwischen Dresden Bau und Edeka und Zusammenlegung ihrer Pläne, kam das Projekt erneut in die Beratung des Ortsbeirates Neustadt. Doch jetzt wieder mit geplanten 6.680 Quadratmetern für einen Supermarkt, einen Drogeriemarkt und Läden, alles in einem Einkaufszentrum eingehaust. Dazu bis 440 Parkplätze im Tiefgeschoß. Eine Mehrung der Verkaufsfläche in solcher Größenordnung, die an der Schnittstelle beider Ortsteile, der Inneren und Äußeren Neustadt, durch Kaufkraftabzug den gewachsenen kleinteiligen Handel schädigen würde, lehnte der Ortsbeirat Neustadt mit Mehrheit ab, SPD, Grüne und Freie Bürger waren geschlossen dagegen, FDP und CDU sprachen dafür.

In den Ausschüssen für Bau und Wirtschaftsförderung, die in gemeinsamer Sitzung darüber vorentscheidend berieten, fiel die Abstimmung über die aktuelle Hochhausplanung mit Einkaufszentrum unterschiedlich aus. Der Bauausschuss stimmte knapp dafür, der Wirtschaftsausschuss knapp dagegen.

Bei der Letztberatung im Stadtrat über die Vorhaben Globus und Edeka/DresdenBau, die am 24. Mai 2012 angesetzt war, stand eine Zitterpartie bevor: Globus-SB Markt mit 12.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche oder/und Rettung des Hochhauses mit der „Kröte“ Einkaufstempel mit 7.000 Quadratmetern oder Rettung und doch nur 4.500 Quadratmeter Handel oder gar nichts.

Wenn nicht die Vorlagen zurückgezogen oder Entscheidungen verschoben worden wären, siehe oben. Nun ist noch Luft, alle Kräfte der Vernunft zu bündeln das stadtteilschädliche Großprojekt Globus zu Fall zu bringen und das Hochhaus mit neuer Nutzung zu erhalten, integriert mit einem kleineren Einkaufszentrum am Albertplatz. Das „Pfand“ ist es wert.

Dr. Peter Bäumler arbeitet als freier Journalist in Dresden. Er schreibt zu den Themen Architektur, Verkehr, Kunst und Kultur.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 12.06.2012 aktualisiert.
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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Globus steht auf der Tagesordnung am 21.6.2012.
    Edeka wird nicht auf der Tagesordnung stehen.

    … schrieb Thomas Löser am Mittwoch, dem 13.06.2012, um 17:48 Uhr.

  2. Das ist insgesamt schon eine gruselige Sache. Einkaufsmöglichkeiten allerorten. Als wenn davon das Geld in den Taschen der potentiellen Einkäufer mehr würde. Man könnte ja auch ein Kulutrzentrum draus machen aber … wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld…

    … schrieb randOM am Montag, dem 18.06.2012, um 12:04 Uhr.

  3. Soeben ist der

    TOP “Globus SB-Markt am Alten Leipziger Bahnhof”

    mit Mehrheit 36 Ja gegen 30 Nein von der Tagesordnung der Stadtratssitzung Donnerstag 21. Juni 2012, 16:30 Uhr, genommen worden.

    … schrieb Dr. Peter Bäumler am Donnerstag, dem 21.06.2012, um 18:53 Uhr.